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- Die letzte Prüfung -


Harald Stangor

Zwei der drei Prüfungen hatte die Gruppe der Zwölf bereits überstanden – und war dabei auf ein Quartett geschrumpft. 

Vier, die blieben: Einer, der den letzten Umschlag mit zitternden Händen und zögerlich öffnete, als löste er in größter Vorsicht etwas Klebriges ab; einer, der ihn ungerührt mit dem langen Nagel des kleinen Fingers in Wellen riss; einer, der auch diesen frech gegen das Licht hielt, ohne etwas erkennen zu können; einer schließlich, dessen Angst überwog, da er das Ende der Mitstreiter gesehen hatte oder doch zumindest ahnte. Er verzichtete, gab zurück. Einer von vieren ging mit gesenktem Haupt, aber lebend davon. Es waren nur noch drei. 

Die Umschläge, endlich je auf ihre Art geöffnet, gaben dreimal die gleichen Worte. „Bring mir das Herz des Hexers“, eine Aufgabe für drei. Ohne ihre Prüfung zu verraten und so zu erfahren, dass sie gleich lautete, sahen die verbliebenen Rivalen einander an. „Eine Aufgabe“, sagte der erste mit starrem Gesicht, „eine Leichtigkeit“ der zweite, lachend. Der dritte blieb stumm. 

Man lief nicht miteinander. Die Konkurrenten gingen zielstrebig und ohne jede Orientierung davon, in die drei entferntesten Richtungen. „Hexer?“, dachte oder sagte ein jeder von ihnen zu sich oder den bisweilen auftauchenden Passanten. „Wer ist der Hexer? Wo ist der Hexer?“ Und schließlich: „Gibt es hier in der Gegend möglicherweise jemanden, der hexen kann? Nur ein ganz klein wenig?“
Der Erste fand jemanden, der einen Kilometer in einer knappen Minute lief, wenn auch nicht auf dem geraden Weg; aber: „Geschwindigkeit ist keine Hexerei“, dachte er bei sich und fragte gar nicht erst, ob der Läufer, der wohl kein Hexer war, ein Herz hätte.

Der Zweite entdeckte in einem Wald, den er nicht ganz absichtsfrei durchstreifte, ein Paar bei der Verrichtung seiner Liebe. Dies schien von Herzen zu kommen, aber „Hexerei ist das wohl nicht“, sinnierte auch er, wiederum bei sich. Er blieb trotzdem einen Augenblick stehen. „Man will ja auch nicht durch Zweigeknacken stören und dergleichen“, so der Zweite.

Der Dritte aber ging geradewegs auf seinen Nächsten zu, griff in dessen Brust und riss ihm mit Leichtigkeit das Herz heraus. „Nun, Hexer?“, sagte er, und wenn der derart Angesprochene sein Leben aushauchte, ohne irgendetwas Nennenswertes aus seinem Tod zu machen, zuckten die Achseln des Dritten, und er ging auf den nächsten Nächsten zu. „Nun, Hexer?“ Dreißig, vierzig, prüfte er so; niemand überlebte oder zeigte anderweitig seine Zugehörigkeit zur Hexenwelt. Man starb allgemein mit einem überraschten Röcheln. Allmählich allerdings, nach den ersten drei Dutzend Gesprächspartnern wohl, gingen ihm die Menschen zunehmend zügig aus dem Weg, und die knappen Hexerprüfungen wurden spürbar weniger. 

Befriedigend war das nicht. In den Wäldern schallte der Ruf „Hexer! Hexer!“; in den Weltmeeren tauchte man nach ihm, falls er etwa in der Gestalt eines Delphins oder einer Scholle unterwegs wäre, und man sah auch bisweilen in den Lüften oder den Wüsten nach, die durch das Fehlen von Bäumen und Wellen deutlich übersichtlicher und insofern zügiger zu durchkämmen waren. Allerdings fand man lange Zeit nichts. 

Dann begann, zu je verschiedener Stunde, jeder der drei nachzudenken, in der Annahme, dies könne die Suche unter Umständen erleichtern. Man kam zu unterschiedlichen Ergebnissen. 
Der Dritte etwa fand in einer Großstadt in der Lüneburger Heide ein Varieté, vor dem das Plakat eines außerordentlich gut aussehenden Magiers hing. HEXER – in blutroter Farbe waren die gesuchten Buchstaben über sein Bild verteilt. Der Suchende lenkte seine festen Schritte ohne weiteres Zögern zum Bühneneingang, zur Garderobe, an den Schminktisch, an dem der Magier saß und im gegenwärtigen Zustand noch deutlich seinem Werbebild hinterherhinkte. „Was zum…?“, sagte er angemessenerweise, als der Dritte ihn ansprach. „Bist du der Hexer?“ Das zögerliche Nicken war das letzte, was der Kopf des Bühnenkünstlers an der bisher gewohnten Körperstelle tat. Noch bevor die Haare den Boden berührten, hatte der Dritte auch dieses Herz in der Hand, und mit der viel versprechenden Beute begab er sich auf den Rückweg. 

Der Zweite, unlängst aus den Pyrenäen zurückgekehrt, hatte unterdessen an einem Baccaratisch in Bad Harzburg einen Mann entdeckt, der Geldwertes vor sich stapelte, bis er kaum mehr zu sehen war, und immer und immer mehr gewann. Als der Reisende die Berge teilte und ihm in das Gesicht sah, durchzuckte den Spieler eine Ahnung seines Endes. Dennoch erklärte er auf die entsprechende Frage, der Gewinn sei weder einem Glück noch einer Täuschung geschuldet; in Spielen wie diesen sei er tatsächlich ein Hexer. Dies war das unglücklichste Wort, das er wählen konnte, und sein letztes. Während sein Herz auf Reisen ging, pfiff der Zweite, ungerührt von den stummen, den lauten Schreien der überlebenden Spieler, eine alte Melodie vor sich hin. Yes, Sir. Und niemand protestierte mehr.

Der Erste aber brachte, als sie zur gleichen Zeit an die Stätte der Prüfung zurückkehrten, einen Menschen mit, ganz, atmend und lebend. Die anderen zeigten, je siegesgewiss und verächtlich über ihren Konkurrenten lachend, ihre Trophäen. Der deplazierte Mensch erwies sich tatsächlich als sehr mäßiger Hexer; er konnte einen Goldhamster die Farbe, den Geschmack oder das Geschlecht wechseln lassen, wobei die Wirkung je nur wenige Minuten anhielt. Er konnte eine Katze zum Bellen bringen und einen Hund zum Schnurren, was unterm Strich die Welt nicht wirklich veränderte, und er konnte mit einem Zweig und einem Kaugummi eine Kaffeemaschine so frisieren, dass die Glaskanne alle Folgen von MacGyver gleichzeitig zeigte. Das alles aber ordnete ihn in der unteren Liga ein, machte ihn letztlich nicht zu einem Meister der Zauberkunst, und so schien sich die letzte Prüfung zwischen den beiden anderen zu entscheiden. Dann sprach allerdings, erstmals im Verlauf des gesamten Wettstreits, dem bereits so viele Leben geopfert worden waren, die Stimme der Umschläge. Vor ihnen wurde eine kurvige Silhouette sichtbar, die, nicht ganz synchron mit sich, den Ersten, den Menschenbringer als Sieger nannte. Die Begründung, die die Mitstreiter am Ende ihres Lebens mit äußerstem Erstaunen und leicht unbefriedigt zur Kenntnis nahmen, war schlicht: Das schlagende Herz eines minderen Hexers sei allemal besser als das tote eines womöglich größeren. Halb zog die mächtige Aufgabenstellerin mit diesen Worten den Mitgebrachten zu sich, halb ging er in sie; an der Stelle, wo sie sich vereinigt hatten, blieb nach dem Verlöschen des unerhörten Lichtes eine alte Kiste zurück, die, mühevoll aufgebrochen, dem Überlebenden und Siegenden ein maschinengeschriebenes Diplom und einen gebraucht aussehenden Zauberhut sowie ein druckfrisches Exemplar der russischen Ausgabe des siebten Potter-Bandes schenkte. Der so hart Geprüfte war vage enttäuscht, obwohl er nicht ganz sicher war, was genau er erwartet hatte; andererseits hatte er offenbar in der anderen Welt ein irgendwie weibliches Wesen mit seinem Mitbringsel glücklich gemacht, und, völlig jenseits von jeglichem Diplom: Wer kann dies schon ernsthaft von sich behaupten?

 

Veröffentlichungen
Harald Stangor

u.a.

"Wein zu Wasser"
in

 Wein zu Wasser - Anthologie der rätselhaften Phänomene
Rätselhafte Phänomene


Herr Kaiser von der Bank in
"Deutschland in 30 Jahren"


Deutschland in 30 Jahren