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- Entfernte Nachbarn -


Harald Stangor

Ich war in dem Wissen aufgewachsen, dass die räumlichen Entfernungen zwischen Nachbarn gering sind und die menschlichen unüberbrückbar; hier, weitab von den Zentren, verhielt es sich anders, sichtbar zumindest im ersten Punkt. Aber ich bin Städter, früh ausgehöhlt, und man lernt schwer weg, was man mit Kindesbeinen erfahren hat. Neun mag ich gewesen sein, vielleicht zehn, als, unvermutet und laut, durch die Wände der Nachbarwohnung – ich wusste nicht, wer dorthin gehörte – Schreien an meine bereits argwöhnischen Ohren drang und ich, mutig und ungeschult in der städtischen Tugend des Weghörens, Sturm klingelte, um ein eventuell misshandeltes Mädchen zu retten. Die Tür wurde nie geöffnet. Meine Mutter, die selbst ein Kind hatte, beschwichtigte mich und ließ mich an meinen Ohren, Augen, meiner Nase zweifeln. Wir waren Stadtmenschen; es gehörte sich so. Ich weiß nicht, wer nebenan wohnte und wer auf welche Art auszog, als es soweit war. Ich selbst blieb, bis ich, in einem späteren Jahrzehnt, ein Studium begann; irgendwo unterwegs verzog ich in eine noch größere Stadt und pflegte mein inzwischen rundgelaufenes Metropolisch. 

Dann bricht die Realität ein, mit Wucht und ungeheuren Werkzeugen, in den nebenbei lieb gewonnenen Alltag. Nach meinem Referendariat – Mathematik, Chemie – setzte ein erstaunlicher Mangel an Interesse für meine Arbeitskraft ein. Ich saß, hoch gebildet, auf dem Trockenen; verdingte mich stundenweise als Nachhilfelehrer an einschlägigen Instituten und fing ansonsten wenig mit meinem Leben an. Natürlich schwor ich mir, bald wieder etwas darzustellen; die Chance kam in verstörender Gestalt daher: Weit draußen, wo es die Stadt eigentlich nicht mehr gab, wartete eine geeignete Stelle auf jeden, der sich hinreichend ins Leere traute. Geld, Amt und Würden; eine vage Erinnerung an den alten Landschulmeister. Keine Chance, in den nächsten Jahren in die Wirklichkeit zu wechseln. Andererseits hatte ich dem Leben da draußen auch nie eine Chance gegeben; wir wollten eigentlich nichts voneinander. Vielleicht würde ich mich wohl fühlen. Vielleicht war ich tatsächlich, unwissentlich, ein Landtyp. 

Mein Konto, das irgendwann nicht mehr wirklich mit meinem Lebensstandard kompatibel war, traf die Entscheidung für mich. Ich verabschiedete mich von allem, was mir bisher wichtig gewesen war, und zog ins Abseits. Zwar ließ ich wohl nicht mein ganzes Leben zurück, aber doch einige gute Freunde, die sich im Nachhinein als Zweckgemeinschaft entpuppten, und hier und dort die Frau meines Lebens. Ich sorgte für eine Vernetzung mit der Welt, bevor ich den ersten Fuß in meine neue Bleibe setzte, und stellte den Computer vor dem Bett auf, zeitlich und räumlich. Selbst im Schlaf wollte ich die Realität erreichbar halten. 

In einer Welt, in der die Kleinsten den Tieren bei allen nötigen Fortpflanzungsverrichtungen zusehen, geht man mit Scham, mit Geheimnissen anders um. Der Hof, auf dem ich ein überraschend modernes Nebengebäude gemietet hatte, kannte keine Vorhänge, da ja die nächsten Nachbarn außerhalb von Hör- und Sichtweite lagen. Ich war neu und nicht wirklich eingeplant, vermutlich in Dingen der Diskretion nicht einmal wahrgenommen. An meinem ersten Abend, nach der Einrichtung des Lebensnotwendigen, stand ich atmend am offenen Fenster, um mich an die veränderten Luftverhältnisse zu gewöhnen, die ich wertfrei registrierte; ich war bestenfalls eine Silhouette im Licht des hinter mir mäßig strahlenden Monitors, hatte durchaus Schwierigkeiten, in der neuen Umgebung dreidimensional zu bleiben. Ich rauchte, ein kleines Leuchten vor mir. Morgen würde ich mir Vorhänge besorgen, selbst wenn ich der Einzige in dieser Landschaft wäre und dem Krämer erst erklären müsste, wofür ich diesen Stoff verschwenden wollte, aus dem man hier vermutlich sonst Ballkleider schneidern würde, gäbe es eines Tages Grund zum Feiern. Für heute lebte ich mit der allgemeinen Offenheit. Im Haupthaus ging Licht an; wer mit den Hühnern aufstand – ein Klischee, dessen Konkretisierung mir Unbehagen bereitete –, sollte jetzt eigentlich schlafen. Aber es gab ein Leben neben dem Erwarteten. Ein Mädchen, in dem ich die Tochter des Hauses vermutete, da das Zimmer weiblich eingerichtet war, betrat den Raum hinter dem vorhanglosen Fenster, gefolgt von einem Jungen, der eher jünger wirkte als sie; er mag sechzehn gewesen sein, sie ein oder zwei Jahre älter. Sie zogen sich aus, jeder das Eigene, als wäre es eine alltägliche Situation, um sich dann, nun doch unerhört zärtlich, zusammenzulegen und sich zu lieben, was mich zum Voyeur machte. Ich blieb über die Zigarette hinaus. Vielleicht lächelte ich. Verstört, dabei vage erregt von der Situation oder dem Anblick des Mädchens, zog ich mich erst vollständig in den Schatten zurück, als ihr eigenes Licht erlosch; ich sah den Jungen den Raum verlassen, unbegleitet, konnte aber nicht erkennen, wie er aus dem Haus glitt. Ein Motor war nicht zu hören. Für ein solches Treffen in dem, was hier Nacht war, ging er wohl Meilen, falls er nicht ein gut geöltes Fahrrad in der Nähe versteckt hatte. Ich schloss die Augen und verstand ihn fast.

Ich war selbstverständlich pünktlich an meinem ersten Arbeitstag in der Schule, die noch immer einige Dörfer entfernt lag, kleine Welten. War ich überrascht, das nächtliche Mädchen im Abiturjahr zu finden, in einem Kurs, in dem sie anderen analytische Geometrie zu erklären vermochte, wenn ich es nicht konnte? Sie schien beide Sprachen zu sprechen, die hiesige wie die meine; ich erreichte nicht ganz die Professionalität, die angezeigt war. Sie trug tatsächlich den Namen meiner Vermieter, erzählte mir, als sie sich nach der Stunde als Kurssprecherin vorstellte, dass sie noch nicht recht wisse, wie es sei, den Lehrer auf dem eigenen Hof zu haben. Man habe sicherlich mit Bemerkungen anderer Schüler zu rechnen, wogegen sie wohl besser gefeit sei als ihr Bruder, auf den ich möglichst acht geben sollte. Sie verabschiedete sich mit einem Lächeln, das mich unerhört einnahm. 

Muss ich erklären, wie ich wenige Stunden später ihren Bruder als bereits Bekannten kennen lernte? Ich könnte es wahrscheinlich nicht. Manchmal ist die Zunge versiegelt, auch wenn man glaubt, etwas Wichtiges zu sagen zu haben. Ich habe nicht einmal die letzte Stunde abgewartet, bin vielmehr aus meinem Unterricht geeilt, sobald sich eine Gelegenheit ergab, um mir Vorhänge zu kaufen. Es erwies sich als unproblematisch, einen geeigneten Laden zu finden. Für vieles, was sich in der großen Welt abspielt, sind auch die kleinen ausgerichtet. 

 

Veröffentlichungen
Harald Stangor

u.a.

"Wein zu Wasser"
in

 Wein zu Wasser - Anthologie der rätselhaften Phänomene
Rätselhafte Phänomene


Herr Kaiser von der Bank in
"Deutschland in 30 Jahren"


Deutschland in 30 Jahren