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- Die Berater -


Karlheinz Wedl

Müde ist er und seine Füße brennen, denn um das Geld für das Straßenbahnticket zu sparen, ist er die letzten zwei Kilometer zu Fuß gelaufen. Endlich steht er vor dem Empfangstresen von "INITIO-PLUS", dem Ausbildungs- und Umschulungszentrum für Berufe in Handel und Wirtschaft. Beinahe lautlos hat er sich dem Tresen genähert und nur sein leises Keuchen verrät ihn jetzt. Eine schwarze Hornbrille mit dicken, stark beschlagenen Gläsern, hält er in der Hand. Eine junge Dame sieht zu ihm auf.
"Ich bin Ivonne Strasser", haucht sie und streckt ihm die Hand zum Gruß entgegen, die er nur schemenhaft erkennt. Hastig wischt er mit einem Taschentuch über die Brillengläser, setzt die Sehhilfe auf, grinst verlegen, ertastet die ihm dargebotene Hand und hält sie kurz so, als wäre sie aus wertvollem Glas. Ivonne lächelt und hilft ihm weiter:
"Und Sie müssen Herr Schwung sein, stimmt's ?" Noch immer kurzatmig, nickt er nur.
"Bernd Schwung", sagt sie und hakt seinen Namen ab in einer Liste.
Ivonne schlängelt sie sich hinter dem Tresen hervor und ein Blick auf ihre prall gefüllte Bluse bestätigt Bernd erneut in seinem Entschluss, das begonnene Theologiestudium vorerst nicht weiter vertiefen zu wollen. Es schaudert ihn bei dem Gedanken an die mühseligen Aufstiege hinauf zur viel zu engen Kanzel. Noch einmal sieht er sich dort oben stehen: Unter ihm das betende Volk mit seinem Glauben, oben er, erschöpft vom Aufstieg und alleine mit seiner Höhenangst.
"Wenn Ihre Predigten nur halb so wirkungsvoll wären, wie Ihre Abgänge von der Kanzel", hatte Monsignore Präbst, sein Ausbilder beim katholischen Priesterseminar, einmal seufzend zu ihm gesagt. In der Tat wähnten sich die Gläubigen jedes Mal beim jüngsten Gericht und nicht selten weinten Kinder, wenn Bernd seinen massigen Körper von der Kanzel wieder nach unten wuchtete, und die Stiege dabei knarrte und ächzte und das Geländer bedrohlich schwankte.
"Nur Mut, Herr Schwung, bitte folgen Sie mir", fordert ihn Ivonne auf und weckt ihn abrupt aus seinen Erinnerungen. Während er seiner Lotsin folgt, starrt er auf ihre schlanken Beine und er meint, Monsignore hätte ihm soeben zugezwinkert.
"Dritter Stock, Schulungsraum 312", sagt Ivonne knapp. Sie schenkt Bernd noch ein geschultes Lächeln und berührt das Display am Aufzug. Sein "Dankeschön, Fräulein Strasser", verschluckt die schließende Tür.

Fast alle Plätze im Schulungsraum sind schon belegt. Auf Stühlen und Tischen abgelegte Schirme, Taschen und Mützen - Zeichen rascher Inbesitznahme -, bezeugen dies. Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern hat sich um einen Tisch ganz hinten versammelt, an dem ein junger Mann Platz genommen hat. Zettel, hastig mit Telefonnummern beschrieben, werden übergeben - und nicht nur von den Damen, wie Bernd erkennen kann. Der junge Mann nimmt jeden Zettel mit einem gewinnenden Lächeln entgegen.
"Vielen Dank", "Das ist aber nett", "Ich komme gern", "Nein, leider erst wieder morgen", sagt er abwechselnd und macht sich Notizen in ein kleines Buch.
"Gestatten Sie, ist der Platz neben Ihnen noch frei?", fragt Bernd.
Der junge Mann lässt die Hand einer Brünetten los, wischt die eines glatzköpfigen Mannes von seinem Knie und steht auf. Bernds Blick fällt auf seine blütenweiße Jeans, die penisbetont sitzt, und er überhört nicht das Stöhnen einiger Damen.
"Aber gerne", sagt der junge Mann und zeigt auf den Platz neben sich.
"Harald von Auf". Er reicht Bernd die Hand, der stellt sich vor und beide nehmen Platz. Die Schulungsleiterin begrüßt die Lehrgangsteilnehmer.
"Das ist Uschi", murmelt Harald von Auf und tippt auf sein kleines Buch. Bernd lauscht gespannt der Vortragenden und - einer alten Gewohnheit gehorchend -, faltet er die Hände und blickt zum Himmel, als sie von ‚feindlichen Übernahmen', ‚Kapitalflucht', ‚Zinseinbrüchen' und ‚Sklaven der Wirtschaft', spricht. Haralds Blicke begleiten die Schulungsleiterin bei ihrem Gang durch die Sitzreihen, und jede ihrer graziösen Schritte und Wendungen, die sie auf ihren Highheels vollführt, scheint er zu genießen. Als die Referentin von der ‚Schrumpfung des Wachstums' spricht, wirft Harald einen schnellen Blick auf seinen Schoß.
In der Pause sitzen Harald und Bernd in der Cafeteria zusammen und Bernd erzählt Harald aus seinem Leben. Kommunikationswissenschaft habe er studiert, sagt er, faltet die Hände und schickt einen schnellen Blick zum Himmel.
"Geil! Das ist genau das richtige Studium", antwortet Harald und klopft Bernd auf die Schulter.
"Mit diesem Studium hast du (die beiden hatten sich bald auf das vertraute ‚du' geeinigt) sicher die besten Voraussetzungen."
"Was hast du vorher gemacht, Harald?"
"Fotos für Journale und Kataloge für die Werbung. Und ein wenig Modeln und so...."
Er nuckelt an seinem Strohhalm, der in einer Cola steckt.
"Ach ja, und Por...", setzt er an.
"Rhythmische Gymnastik", rettet er sich.
"Kann man damit Geld verdienen?"
"Wenn man gut ist, ja", antwortet Harald.
"Das muss ja ziemlich anstrengend sein, hört man immer wieder", sagt Bernd und denkt dabei an seinen anstrengenden Weg hierher zum Schulungszentrum. Harald schmunzelt.
"Man muss ja nicht immer alles selber machen", sagt er und zieht schlürfend den letzten Schluck Cola in seinen Strohalm. Bernd sieht zur Uhr.
"Wann ist Schluss, heute?", fragt er. Ihm ist eingefallen, dass er pünktlich um fünfzehn Uhr am Ostfriedhof sein muss. Um seine Weiterbildung finanzieren zu können, verdingt er sich nebenbei als Grabredner. Harald blättert gedankenverloren in seinem schwarzen Buch und nach einer Weile antwortet er:
"Um zwölf Uhr ist Schluss und ich werde auch noch pünktlich zu meinem Termin kommen."
"Was Wichtiges?", fragt Bernd.
"Ja, sehr wichtig und obendrein gut bezahlt. Montag um fünfzehn Uhr ist immer Seniorengymnastik".

Bald nach Beendigung des Lehrgangs setzten Bernd und Harald ihre Geschäftsidee in die Tat um und gründeten die "Agentur Auf-Schwung". Wie hatte sich Bernd anfangs darüber mokiert, dass Harald und er Tür an Tür mit den Bordelldamen hausen müssten! Aber Haralds Argument, man müsse dort mieten, wo man es sich leisten könne, überzeugte ihn letztlich doch.
Nun prangt unter der Leuchtreklame "Heaven for men" der Schriftzug "Auf-Schwung - Agentur für Unternehmensberatung".

Es ist 10:30 Uhr, als Bernd - er hatte um neun Uhr eine Grabrede gehalten, denn von der Agentur alleine können Harald und er noch nicht leben -, das Büro betritt. Sein Partner ist noch nicht hier aber Bernd weiß, dass Harald nicht zu den Frühaufstehern zählt. Das Telefon läutet und er nimmt ab.
"Auf....", setzt er an und bricht ab. Er nickt mit dem Kopf, als ihm sein Gesprächspartner zu verstehen gibt, dass Namen unwichtig seien. Bernds trainierter Geschäftssinn erwacht und er lauscht gespannt, während er in seinem leeren Terminkalender blättert.
"Ja, das trifft sich gut! Die ganze Woche ist noch frei, bitte verfügen Sie über uns, ganz nach Ihrem Belieben!"
Bernd glaubt, mehrstimmiges Stöhnen vom anderen Ende der Leitung zu hören. Die barbusige Dame auf der Leuchtreklame von "Heaven for men", die sich in Bernds Bürofenster spiegelt, hat sich soeben ihres Slips entledigt und Bernd wischt sich den Schweiß von der Stirn.
"Aber nein, ich bitte Sie, bemühen Sie sich nicht! Sie brauchen nicht zu uns zu kommen. Selbstverständlich besuchen wir Sie!" Er lauscht weiter den Worten des Anrufers und nickt.
"Parole: ‚Druckausgleich', alles klar, verstehe!" Spionage und gnadenloses ‚Personal-Hunting' in der Wirtschaft haben die Manager vorsichtiger werden lassen. In diesen schweren Zeiten ist sich jeder selbst der Nächste, das weiß Bernd selber zu genau.
"Selbstverständlich behandeln wir alles streng vertraulich, keine Sorge. Bei uns sind Sie und Ihre Mitarbeiter in den besten Händen." Erneutes Stöhnen vom anderen Ende der Leitung.
"Verstehe, näheres wird noch rechtzeitig bekannt gegeben", bestätigt Bernd, verabschiedet sich und legt auf.

Schritte vom Gang und fröhliches Pfeifen. Harald trägt das Sakko lässig über die rechte Schulter geworfen, als er das Büro betritt. Er sieht müde aus, aber er strahlt. Bernd kommt gar nicht dazu, ihm vom Anruf zu erzählen. Harald wirft sich in einen Sessel und erzählt von einer Idee, auf die ihn Uschi gestern Abend gebracht habe.
"Sagt dir der Begriff ‚Rotationsprinzip' etwas, Bernd?"
Beklagt über Langeweile und eingefahrene Routine habe sich Uschi, und irgendwann im Laufe des gestrigen Abends sei dann dieser Begriff gefallen.
"Ich glaube, ‚Die Grünen' haben das Rotationsprinzip erfunden", sagt Bernd.
"Die auch? Das hätte ich denen gar nicht zugetraut!"
"Mit dem Rotationsprinzip wollte man festgefahrene Stellungen und Positionen in Politik und Wirtschaft aufbrechen", erinnert sich Bernd weiter.
Er sieht auf Haralds Hals, auf dem sich deutlich die Striemen eines Halsbandes abzeichnen, und sofort fallen ihm wieder Uschis Worte: ‚Sklaven der Wirtschaft', ein.
Euphorisch schwärmt Harald vom Rotationsprinzip und davon, die Manager bald von dieser Idee überzeugen zu können.
"Das ist alles nur eine Frage der Fortbildung", sagt Harald, während er seinen Hals massiert.
"Nur so wird die deutsche Wirtschaft wieder fit für den internationalen Wettbewerb." Bernd nickt erst zögernd, dann im Takt zu Haralds Schlägen auf seine Schulter. "Nein, Bernd, flexibel, neugierig und abenteuerlustig, müssen die Unternehmer werden."
"Nun, ja, hast wohl Recht. Probieren können wir es", meint Bernd und überlegt.
"Warum versuchen wir es nicht bei der Bundesregierung? Dort hat man sich schon längst an exorbitant hohe Beratungshonorare gewöhnt", sagt er und schmunzelt.
"Keine schlechte Idee, Bernd!"

Endlich haben sie angebissen, denkt Bernd, zwei Tage später. Er ist im Büro und vor wenigen Minuten haben sie angerufen und ihm weitere Details mitgeteilt. In Stichworten notiert er unter dem kommenden Mittwoch in seinen Terminkalender: "Bischofspalais-Rückgebäude, 20:00 Uhr, beim Pförtner melden, Codewort: ‚Druckausgleich', Abholung durch hauseigenen Sicherheitsdienst, haben gesagt, sie hätten viele Sonderwünsche".
"Also schon übermorgen", flüstert er. Wer kann auf die Wünsche der Palaisbewohner besser eingehen, wer kann sie gezielter beraten, wer versteht sie - auch ohne Worte - besser als er, der ehemalige Kanzelstürmer? Da muss ich selbst Hand anlegen, das muss ich machen, denkt er und sieht zur Uhr. Achtzehn Uhr, zeigt sie. Er hat versprochen, auf Harald zu warten, der schon um die Mittagszeit zur Firma Buchholz & Schwarzer, einem Hersteller von Dessous und Bademoden, gefahren ist. Der Auftrag, den Harald an Land gezogen hat, ist der Durchbruch für die Agentur "Auf-Schwung", weiß Bernd. Buchholz & Schwarzer: Weltweit operierende Firma, schätzungsweise siebentausend Mitarbeiter, altes Familienunternehmen, Frauenanteil bei den Beschäftigen knapp fünfundachtzig Prozent, Umsatz: Fast eine Millarade jährlich.

Schwere Schritte auf dem Gang. Das kommt von drüben, vom "Heaven for men", denkt Bernd und fährt zusammen als Frauen schreien und Fensterscheiben klirren. Etwas kracht zu Boden. Bernd geht unter dem Tisch in Deckung. Wieder Schritte und Schreie draußen auf dem Gang. Krachend fliegt die Tür auf und zwei Männer, ganz in schwarz gekleidet, mit dunklen, weitkrempigen Hüten auf den Köpfen und Sonnenbrillen mit dunklen Gläsern vor den Augen, stehen plötzlich in Bernds Büro.
"Macken dass du hervorkommen, da", droht der Mann mit der Maschinenpistole, und Bernd kriecht langsam unter dem Tisch hervor. Kaum auf den Beinen, packt ihn ein starker Arm.
"Du nix macken Konkurrenz uns, du kleine Wixer", brüllt der Mann und schüttelt Bernd, als wäre er eine Stoffpuppe. Bernd ringt nach Luft.
"Nix andere hier in diese Büro, Claudio", ruft der andere Bernds Peiniger zu.
Claudio nickt und verstärkt seinen Griff um Bernds Hals.
"Zahlen monatlich zweitausend Eiro an unsere Organisation, dann du können macken weiter mit deinen Puff". Claudio wirft Bernd auf den Bürostuhl.
"Für heute nur kleines Vorschuss von eintausend Eiro, dann gut", sagt er und richtet die Maschinenpistole auf Bernd.
"Du nix Geld?"
Bernd schüttelt den Kopf.
"Mein Herr, wir sind eine Agentur für Unternehmensberatungen", keucht er.
Claudio und sein Komplize stürzen sich auf Bernd und zerren ihn aus dem Sessel. Ein schwerer Schwinger trifft ihn in der Magengegend. Schon leicht taumelnd, streckt ihn ein gut platzierter Kinnhaken zu Boden. Sein Kopf schlägt gegen etwas Hartes. Um Bernd kracht und dröhnt es. Glas zerbricht, Schüsse fallen, Querschläger pfeifen, Rauch hüllt alles ein. Dann senkt sich ein schwarzer Schleier über Bernds Augen.

Bernd hat es schwer erwischt. Vier Wochen liegt er schon im Krankenhaus. Arme und Beine stecken in dicken Verbänden und eine Krankenschwester füttert ihn gerade, als Harald, einen Blumenstrauß in der Hand, das Krankenzimmer betritt.
"Noch nicht besser, alter Junge?", fragt er und tätschelt Bernds bandagierten Fuß. Bernd versucht sich an einem Schrei, der aber nicht gelingen mag.
"Wir haben noch kleine Probleme mit dem Kehlkopf und der Stimme, nicht wahr, Herr Schwung?", sagt die Krankenschwester und tätschelt Bernds Wange.
"Buchholz & Schwarzer, weißt schon, die Dessoushersteller", beginnt Harald, und Bernd reißt weit die Augen auf und nickt. "gibt es nicht mehr. Konnten sich nicht länger halten!"
Bernd dreht die Augen zur Decke und murmelt unverständliche Laute.
"Das Rotationsprinzip! Zunächst lief alles ganz gut. Doch bald gab es die ersten Schwierigkeiten. Mit den Modellzeichnungen der Designer konnten die Putzfrauen wenig anfangen, und die Toilettenreinigung durch die Manager und Vorstände gab immer wieder Anlass zu Beschwerden. Das Aus des Konzerns aber kam kurze Zeit nach Clements Einstellung. Eine Putzfrau hatte ihn eingestellt an dem Tag, an dem sie die Personalchefin des Konzerns war. Du weißt schon: Wolfgang Clement, der vor einem Jahr nach Usbekistan geflüchtete ehemalige deutsche Super-Wirtschaftsminister! Zugegeben: Einige Schwachstellen hat das Rotationsprinzip noch, da müssen wir noch ein wenig daran feilen!"

Dann erzählt Harald, dass er die Agentur zurzeit von Uschis Wohnung aus leite.
"Als ich einen Tag nach dem Brand noch in unserem Büro war, um nach Kundendatei und Telefonnummern-Register zu suchen, läutete das Telefon. Stell' dir vor, Bernd, aus dem Palais haben sie angerufen und nach einer ‚Lola' gefragt!"
Bernd wuchtet seinen Kopf aus dem Kissen, die Krankenschwester drückt ihn sacht wieder zurück.
"Aber nicht doch, wir wollen vernünftig sein, Herr Schwung", mahnt sie. Dann klärt Harald den Irrtum weiter auf:
"Bestellen Sie bitte seiner Eminenz, er könne nur Uschi meinen, sagte ich dem Anrufer und schnell hatte ich alles geklärt. ‚Da haben wir uns wohl in der Telefonnummer geirrt', meinte der Sekretär und als ich schließlich - ganz beiläufig - erwähnte, dass Uschi unsere Schulungsleiterin gewesen sei, hatte ich ihn vollends von unseren Qualitäten überzeugt. Übrigens, die waren mächtig sauer auf dich, Bernd, dass du den ersten Termin hast platzen lassen!"
Bernd verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse, dann schlägt er mit dem Fuß, der in einer Schlinge über dem Bett schaukelt, gegen eine Blumenvase und krachend fällt sie zu Boden. Die Krankenschwester betupft Bernds schweißnasse Stirn.
"Besonders für rotierende Stellungen und Positionen mit wechselnder Verantwortung zeigen die reges Interesse. Sehr gut informiert sind sie, das muss ich sagen. Die wissen genau, was sie wollen. Ich denke, ich werde ihnen das Rotationsprinzip vorschlagen."
Bernd schüttelt wild den Kopf!
"Mach' dir bitte keine Sorgen, Bernd. Uschi und ich haben alles im Griff. Sie wird dich sehr gut vertreten."
Bernd wird von einem lang anhaltenden Hustenanfall heimgesucht. Erst blau, dann kardinalrot, läuft sein Gesicht an. Noch einmal versucht er den Kopf zu heben. Dann sinkt er kraftlos ins Kissen zurück und schläft ein.

Im Traum sieht Bernd sich wieder oben stehen auf der Kanzel, das Buch "Die Sieben Weisen aus der Wirtschaft - Stationen eines Leidensweges: Vom langen Martyrium bis zur Seligsprechung ", in der Hand. So steht er denn und schaut hinab auf das gläubige Volk, mit Monsignore Präbst in seiner Mitte. Monsignore schaut, Kaugummi kauend, hinauf zur Kanzel. Im weißen Anzug, die Beine übereinander verschränkt, sitzt er in der ersten Reihe. Auf dem Kopf trägt er einen schwarzen Hut, und auf seiner Nase sitzt eine Brille mit dunklen Gläsern. Monsignore gibt Bernd huldvoll das Zeichen, mit seiner Predigt zu beginnen und Bernd Schwung predigt: Von feindlichen Übernahmen, Kapitalflucht, Zinseinbrüchen und Sklaven in der Wirtschaft. Als er schließlich von der Schrumpfung des Wachstums spricht, sieht Monsignore Präbst, der die Hand einer jungen, barbusigen Blondine hält, auf seinen Schoß. Er schüttelt den Kopf und streichelt der Blondine über ihre Brüste. Dann lacht Monsignore so laut, dass sich alle Gläubigen im "Heaven for men" wähnen, und die Stiege der Kanzel ächzt und stöhnt, während die Blondine langsam ihren Slip auszieht.

 

Veröffentlichungen
Karlheinz Wedl

u.a.

"Deutschland und
seine Fruchtzwerge" 
in:


[Deutschland in 30 Jahren]