- Highway
der
angestauten Aggressionen-
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Marlies Aurig
Pfeile wiesen Niels den Weg. Sie waren mit roter
Neonfarbe auf Schilder gemalt, die in immer kürzeren Abständen
folgten. Die aufdringliche Farbe der Pfeile verursachte ein
Aufschreien in seinem Hirn. Zumindest in jenem Teil des Kopfes, dass
noch zu einem bisschen Denken fähig war. Wieso war er hier und lief
die Straße entlang? Bleib stehen! Rief Niels sich in Gedanken selbst zu.
Doch seine Füße, die in Turnschuhen steckten, deren Farbe wahrscheinlich
einmal weiß gewesen war, liefen weiter, zogen seinen hageren, lang aufgeschossenen Körper mit sich fort. Die Jeans wurden von einem Gürtel gehalten, damit
sie nicht rutschten. Seit seinem siebzehnten Geburtstag war er in die Höhe
geschossen. Doch für neue Klamotten hatten weder seine Mutter noch er selbst Geld
übrig. Den Jungs, mit denen er abends um die Häuser zog, seit er die Schule
beendet hatte, ging es auch nicht besser. Sie hatten alle viel Zeit. Scheiße,
sie hatten viel zu viel Zeit! Aber wenn man nicht mindestens viertausend
Eurodollars Mitgift nachweisen konnte, bekam man keine Lehrstelle. Keine Firma
stellte einen Jugendlichen ein, der nicht standesgemäß gekleidet war und
zumindest mit einem Kleinwagen zur Arbeit vorfahren konnte. Arbeit war nur etwas
für die bessere Gesellschaft. Für Leute wie ihn und seine Kumpels blieben die
Straße, die Fernsehshows und dieser Highway, zu dem er jetzt unterwegs war,
erschaffen nach amerikanischem Vorbild.
Die Steuerersparnis schlecht hin. Leere Gefängnisse, keine Psychiaterkosten,
denn die gestressten Manager reagierten sich ihren Frust auf dem Highway
besser ab, als auf der Couch eines Freudschen Nachkommen. Nicht zu vergessen die
immensen Einschaltquoten in der Medienwelt, wenn sich so ein armes Schwein
wie er hier her wagte.
Kehr um, wenn du auch nur ein bisschen Grips in deinem blöden Schädel hast!
Doch unwillkürlich zog es ihn in die Richtung der Pfeile. Jetzt konnte er
sogar schon die Auffahrt für die Autos sehen und die erste Kamera blinkte an
einem Pfosten, auf den er zu marschierte. Was machte ich da nur, verdammt? Wenn
die Kamera ihn erst einmal erfasst hatte, dann gab es kein zurück mehr. Eine
Wand aus unsichtbarer Materie würde sich hinter ihm herab senken und kein
Schlupfloch blieb übrig.
Willst du sterben, wegen einer dummen Wette? So verrückt bist du doch nicht!
Bernd hatte gestern einen Kasten Bier zum Treffpunkt mitgebracht und bald
waren alle betrunken gewesen. Niels hatte keine Erinnerung mehr daran, wie sie
überhaupt auf den „Highway der angestauten Aggressionen“ zu sprechen gekommen waren. Doch gestern hatte er sich plötzlich stark gefühlt. Wohl eher
benebelt vom Alkohol. Jedenfalls hatte er sich vor seinen Kumpels gebrüstet, dass er
es wagen würde.
2 730 000 Eurodollars hatten sich angesammelt, weil es fünf Jahre her war,
dass jemand den Jackpot kassiert hatte. Ein Freiwilliger, wie er. Alexander
Korbe, auf der ganzen Welt kannte man den Namen. Er hatte das viele Geld
gewonnen und verdiente seitdem immer mehr hinzu. Alexander hatte ein Buch
geschrieben, wie er trainiert hatte. Es war ein Bestseller geworden und man sah ihn in
allen möglichen Talkshows. Sogar eine Musik CD war von ihm erschienen. Wenn
man einmal bekannt war, ging das Geld verdienen wie von selbst.
Niels hatte noch nie davon gehört, dass Diebe oder Mörder jemals davon
gekommen waren. Doch auch sie hätten Anspruch auf das Geld gehabt. Weshalb war er nur auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet er es schaffen
könnte? Alexander war Sportler gewesen, hatte ein Jahr lang trainiert.
Trotzdem keine Garantie für jenes Unterfangen. Dafür brauchte man jede Menge Glück
und Geschick; außerordentliches Reaktionsvermögen. Letzteres besaß Niels. Als
er zehn Jahren alt war, gab es kein Computerspiel, bei dem er nicht den
letzten Level erreicht hatte. Er war damals der ungekrönte König der Spielhallen
gewesen, aber weil er nur gewann, hatte es ihn bald gelangweilt. Gestern Nacht
war die Erinnerung an jene Zeit zurückgekehrt. Abrupt blieb Niels stehen. Ein ohrenbetäubendes Warnsignal erklang, ein auf-
und abschwellender Heulton.
„Achtung, sie erreichen in einhundert Metern die Barriere. Achtung,
Achtung...“
Als er weiter ging, verstummte die blecherne Stimme.
Plötzlich hörte Niels lautes Hupen hinter sich und er sprang beiseite, um
einem Polizeiauto Platz zu machen. Vor der Säule mit der Kamera hielt es an und
zwei Polizisten stiegen aus. Sie öffneten die Tür und zerrten einen Mann
heraus, der sich mit seinen Händen an der Innenseite des Autos festklammerte.
Einer der Polizisten zog einen Elektrostab aus seiner Tasche und sobald er den
Mann damit berührte, ließ dieser los. Sofort zogen sie ihn vom Auto fort. Auf
seinem Tshirt stand vorn und hinten das Wort Mörder. Die Panik des Mannes
übertrug sich unwillkürlich auf Niels. Schnell lief er die Böschung hinauf, wo
er einen guten Blick zum Highway hatte. Der Kerl war alt, er hatte keine
Chance. Die Polizisten hielten ihn jetzt fest umklammert und schleiften ihn die
Straße entlang. Kurz vor der Kamera gaben sie ihm mit aller Kraft einen Stoß,
schleuderten ihn von sich. Im selben Moment baute sich eine Wand aus
unsichtbarer Materie auf. Der Mann wollte zurück und stieß mit seinem Kopf und den
Füßen dagegen. Es hätte lustig ausgesehen, wie eine Pantomime, wäre die
Situation nicht so ernst gewesen. Dann setzte sich das Rollband, das etwa zehn Meter
lang war, in Bewegung. Als es anhielt, wurde der Mann durch die Fliehkraft
hinaus auf den Highway geschleudert. Eine breite Straße, vier Spuren, die aber
nur in eine Richtung gingen. Kameras blinkten überall auf der Fahrbahn und
die Wand aus unsichtbarer Materie war nicht nur hinten sondern auch an den
Seiten der äußeren Spuren. Es gab kein Entrinnen.
Der Mann sah das Auto kommen, trotzdem stand er starr, kein Fluchtversuch.
Ein alter Ferrari schoss auf ihn zu, doch der Fahrer riss in letzter Sekunde
das Lenkrad herum. Nicht jeder Autofahrer, der hier Menschen jagte, konnte
seine letzte psychische Schranke überwinden. Jetzt sah Niels, wie sich ein neuer
Silberpfeil näherte. Der Mann hatte seine Starre überwunden und versuchte
ein Ausfallmanöver, aber er war zu langsam. Der Fahrer hatte sein Tempo
gedrosselt und fuhr den Mann von der Seite an, so dass er in die Mitte der Fahrbahn
fiel. Eine schwarze Limousine näherte sich und sie schwenkte nach links, um
langsam über den Mann hinweg zu rollen. Niels glaubte das Geräusch seiner
krachenden Knochen zu vernehmen, obwohl er viel zu weit entfernt stand, als dass
er es wirklich hätte hören können. Die Gestalt lag auf dem Bauch und die rote
Schrift auf dem Tschirt mischte sich mit seinem Blut, so dass Niels das Wort
Mörder kaum noch erkannte. Nach fünf Minuten näherte sich ein schwarzes Auto
mit Blaulicht. Vermummte Männer mit Overalls stiegen aus und transportierten
den Leichnam ab. Vorher versprühten sie noch eine Chemikalie, die das Blut
wie von Geisterhand verschwinden ließ. Der dunkle Asphalt wies keine Spuren
des soeben Geschehenen mehr auf. Niels wandte sich ab und ging zurück auf die
Straße.
Hast du immer noch nicht genug, nein? Genau so wirst du auch dort liegen.
Aber nicht so schnell. Der Typ hat sich doch kaum bewegt. Ich kann es schaffen,
verdammt noch mal!
Niels befand sich jetzt wieder dort, wo er vorhin das Polizeiauto getroffen
hatte. Selbst wenn er überfahren auf der Straße lag, würde sein Sterben nicht
so anonym ablaufen. Er war ein Freiwilliger. Wenn die Kamera ihn erfasste,
würden Milliarden Zuschauer vor den Bildschirmen sitzen und jede seiner
Bewegungen verfolgen. Er war dann der neue Superstar. Wenn auch nur für einen
Moment. Dann wäre sein Leben immerhin etwas wert gewesen. Einer hatte es geschafft, aber elf Freiwillige nicht. Der Highway war zehn
Kilometer lang. Wenn Jemand wie er sich darauf befand, verdoppelte sich das
Verkehrsaufkommen binnen kürzester Zeit. Ich könnte meiner Mutter die Operation bezahlen. Dafür lohnte sich das
Risiko. Wenn er starb, dann überlebte ihn seine Mutter ohne die Operation auch
nicht mehr lange. Ihr Leiden würde sich also in Grenzen halten. Niels sah die Lichtschranke der Kamera schon mit bloßem Auge. Noch zehn
Schritte, dann - . Die Linse kam ihm vor, wie das lauernde Auge eines Raubtieres.
Ich tue es, heilige Scheiße, ich tue es wirklich! Nicht wegen der Wette,
nicht wegen des Geldes und auch nicht wegen meiner Mutter, und doch wegen allem
ein bisschen. Klick.., ein Luftzug von hinten wehte ihm die Haare ins Gesicht und die
Straße setzte sich unter ihm in Bewegung. Niels verlor das Gleichgewicht und fiel
vor ein Auto. Geschickt rollte er zur Seite ab und stand auf. Er befand sich auf dem Highway. Niels sah lächelnd in die Kamera. Zwei Autos
näherten sich in rasantem Tempo und sein Adrenalinspiegel schoss in die
Höhe. Es ist nur ein Videospiel, versuchte er sich Mut zu machen. Ich war damals
unschlagbar. Die Motoren der Autos heulten auf und Niels blickte ihnen
entgegen, erkannte schon die maskenhaften Gesichter der Fahrer. „Es geht los! Action!“, brüllte Niels in die Kamera, bevor er sich auf die
Straßenmitte zu bewegte. Nur dort hatte er eine winzige Chance.
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