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- Ein Herz aus Stein -


Melanie Conzelmann

Jochen spähte vorsichtig um eine Vitrine herum. Dieses seltsame goldene Licht kam von weiter vorne. Er ging durch die Abteilung mit den Fundstücken aus der Germanenzeit und steuerte die Ausstellung zum Frühmittelalter des Museums an. Eigentlich sollte sie erst Morgen eröffnet werden.
Innerlich fluchend ließ er das Schimmern nicht aus den Augen. Warum musste er in den Semesterferien auch unbedingt als Nachtwächter im Museum jobben? Er hatte gedacht das Geld wäre leicht verdient. Von wegen!
Vorbei an Tongefäßen, Werkzeugen, Waffen, Münzen und anderen Relikten aus alter Zeit, kam er dem verdächtigen Leuchten immer näher. 
Als er um die nächste Ecke bog, konnte er sehen, dass das Licht von der Vitrine mit außergewöhnlichen Schmuckgegenständen ausging. Es brach sich in den Scheiben des Glases, um seine Strahlen überall hin zu schicken und sie in verschiedenen Farbtönen, von zartgelb bis gold, funkeln zu lassen.
Wachsam sah er sich um. Es war kein Mensch zu sehen. Trotzdem wagte er nicht erleichtert aufzuatmen. Etwas Sonderbares war hier im Gange!
„Karsten bitte kommen!“ krächzte Jochen in sein Funkgerät. Hier stimmte etwas nicht, und er hatte keine Lust alleine herauszufinden was es war. 
„Was gibt’s, haste Dich wieder verlaufen?“ lautete die flapsige Antwort. 
Nur weil er an seinem ersten Arbeitstag die Orientierung in dem riesigen Gebäude verloren hatte, was bei Dunkelheit ja auch ein wenig verständlich war, wurde er dauernd damit aufgezogen!
„Lass die Witze! Etwas beim Mittelalterschmuck verbreitet goldenes Licht in der ganzen Abteilung! Was geht hier vor?“ 
„Hä? Träumst Du oder was? Im Mittelalter gab es doch noch gar kein elektrisches Licht!“ witzelte Karsten. „Haha! Ich meine es ernst, Karsten. Es geht nicht mit rechten Dingen zu. Mir ist nicht mehr wohl in meiner Haut.“ 
„Schon klar. Ich komme mal nachsehen.“ 
Es dauerte nur ein paar Minuten bis Karsten bei Jochen angekommen war. Jochen war in dieser Zeit nur wenige Meter näher an den Glaskasten herangekommen. Karsten blieb hinter ihm und schaute ihm über die Schulter. 
„Was zum Teufel ist da los?“ 
„Am besten wir finden es gemeinsam raus“, meinte Jochen, trat zur Seite und machte mit der Hand eine wage Bewegung Richtung der Schmuckvitrine: 
„Nach Dir.“ 
„Ne, ne, nach Dir! Ich will Dir bei Deiner Entdeckung nicht im Wege stehen.“ Karsten schob ihn vor sich her. „Na schön, dann gib mir wenigstens Rückendeckung!“ versuchte Jochen zu witzeln. Dabei war ihm eigentlich todernst damit.
Er nahm allen Mut zusammen und ging mit wackeligen Beinen auf die Quelle des geheimnisvollen Lichts zu. Karsten folgte ihm auf dem Schritt, mit mindestens ebenso weichen Knien.
Ungläubig blickten die beiden in den Schaukasten. In Mitten von Broschen, Spangen und Ringen lag eine hübsche Kette. Laut dem Kärtchen neben dem Schmuckstück handelte es sich vermutlich um eine Art Amulett. Der Anhänger war ein in Gold eingefasster Rutilquarz. Das Rutil zog sich in feinen Goldfäden durch den Quarzstein und bildete ein bizarres Muster. Es sah aus, als wären winzige goldene Nadeln in einem Klumpen Eis eingefroren. Von diesen Nadeln ging das Leuchten aus. Sie schienen in dem warmen, goldenen Licht zu glühen. Jochen und Karsten schauten sich an. 
„Ich heb den Glasdeckel runter, dann sehen wir nach, wie das funktioniert“ schlug Karsten vor. 
„Vielleicht kann man es ja ausschalten.“ Zweifel regte sich in Jochen. Wenn er einen Schalter an dem Ding finden würde, wäre er der Nikolaus!
Karsten ging die Alarmanlage ausschalten. Als er zurückkam, betrachtete Jochen immer noch den strahlenden Edelstein. Er war ganz gebannt von dem Anblick. Als Karsten neben ihn trat, schaute er jedoch auf.
„Also gut. Sehn wir mal nach.“ Karsten platzierte seine Hände an den Seiten des Glasquaders und hob ihn langsam an. Sobald das Licht nicht länger von dem Glas gebrochen wurde, erhellt es den ganzen Raum mit seinem goldenen Schein. Vorsichtig stellte Karsten den Deckel auf den Boden, kam auf Jochens Seite und stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Nun mach schon!“ 
Jochen streckte seine Hand aus, ließ sie aber in einem kleinen Moment des Zögerns über dem Amulett verharren, dann atmete er einmal tief ein und aus bevor er danach griff.
Augenblicklich schossen grelle Strahlen hervor. Jochen griff vor Schreck nach Karstens Arm und wollte das Amulett wieder loslassen. Doch es war schon zu spät. Das Licht sog ihn ein wie ein blendender Strudel, sein Herz raste, grenzenlose Furcht krampfte seinen Magen zusammen.

Plötzlich war alles wieder ruhig, und dunkel. 
Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bot sich ihm ein unglaublicher Anblick: 
Er befand sich in einem Gewölbe. Vielleicht ein Keller. Jedoch schien Jochen weit darüber zu schweben. Er konnte sich das nicht erklären. Die Wände waren aus kaltem grauem Stein gemauert. Wasser tropfte an manchen stellen von ihnen herab. Es roch modrig und feucht. Drei Personen befanden sich in dem Raum. 
Zuerst fiel Jochen die junge Frau auf. Sie war außerordentlich hübsch mit ihren hüftlangen hellblonden Haaren, die, wie ein Wasserfall, in sanften Locken über ihren Rücken flossen. Sie trug ein sehr altmodisches bodenlanges Kleid, das er spontan als Gewand bezeichnet hätte. Es war weiß, mit weiten Ärmeln. Überhaupt war es nicht sehr figurbetont. In der Taille wurde es von einem silbernen Kettengürtel zusammengehalten. Das seltsamste war allerdings, dass sie das Amulett mit dem Rutilquarz um den Hals trug.
Ihr Begleiter war ein schlanker, mittelgroßer Mann mit kastanienbraunem Haar, das er im Nacken mit einem Lederband zusammengebunden hatte. Auch er war sehr seltsam angezogen. Wenn Jochen nicht alles täuschte trug er ein Kettenhemd. In der einen Hand hielt er ein Schwert, von dem Jochen Mühe gehabt hätte, es mit zwei Händen zu tragen. Offenbar war aber der Mann mit dessen Führung vertraut und geübt. Sein gestählter Körper und die Leichtigkeit seiner Bewegungen zeigten dies, als er seinen Schwertarm drohend hob und mit dem anderen die Frau enger an sich zog. 
Die Drohung galt dem anderen Mann im Raum. Er war Jochen nicht gleich aufgefallen, denn er schien fast mit den Schatten zu verschmelzen. Sein Gewand glich dem der Frau, er war jedoch ganz in schwarz gekleidet. 
Das lange rabenschwarze Haar fiel ihm über die Schultern und verdeckte einen großen Teil seines Gesichts. 
Was Jochen jedoch davon sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Der schwarzgekleidete Mann schaute den Ritter mit unbezähmbarer Wut in den Augen an.
Die furchteinflösende Gestalt sprach Worte, die Jochen nicht verstand. Verwundert stellte er fest, dass er ihre Bedeutung jedoch fühlen konnte. Ein Schauer kroch ihm über den Rücken.
Der Ritter würde sterben müssen für seine ungeheuerliche Tat. Keiner verführte ungestraft die Auserwählte des Magiers. Die junge Frau verteidigte ihren Geliebten und nahm alle Schuld auf sich. Sie liebte ihn schon seit langer Zeit, so wie er sie. Schon als Kinder hatten sie sich heimlich miteinander verlobt. Schamlos hatte ihr Vater sie dem Magier versprochen, im Austausch für seine finsteren Dienste und gegen ihren Willen. 
Hatte er den kein Herz für die Liebe?
Es sah nicht so aus, denn der Magier begann eine dunkle Beschwörungsformel zu murmeln. Er streckte die Hände aus, schwarze Nebelschwaden begannen sich darum zu Formen. Seine Hände bewegten sich kreisförmig, vergrößerten den Dunstschleier und schickten ihn schließlich auf das Liebespaar zu.
Die beiden wichen langsam zurück. Die Frau begann einen leisen Singsang, und wie als Gegenstück zu dem schwarzen Nebel fing ihr Amulett plötzlich zu Leuchten an. Das gleiche goldene Licht, das es im Museum ausgeströmt hatte, vielleicht immer noch ausströmte. Denn Jochen war schon längst klar, dass er Zeuge von etwas wurde, das in der Vergangenheit stattgefunden hatte.
Der Zauber der Frau war zu schwach. Jochen sah den goldenen Glanz schwächer werden, als die schwarze Wolke das Paar einhüllte, das sich fest umschlungen hielt. Der Magier ließ seine Hände umherwirbeln, und wie seine Hände, so wirbelte auch die Wolke um die beiden Gestalten, die nun kaum noch zu erkennen waren. Die Stimme des schwarzen Mannes wurde immer lauter und beschwörender, der Gesang der Frau erstarb. Plötzlich erschienen zwei Gefäße in den Händen des Hexers. Sie waren schwarz, wie alles an ihm, und mit goldenen Schriftzeichen verziert, die Jochen unbekannt waren. 
Der Magier stellte die Gefäße auf den Boden und legte die Deckel daneben, ohne den Blick von seinen Opfern abzuwenden, oder seinen Fluch zu unterbrechen. Die beiden Unglücklichen waren nicht mehr zu sehen, doch Jochen beobachtete fassungslos, wie sich zwei silbern glitzernde Rauchschleier aus der Wolke lösten. 
Sie wanden sich umeinander, verschmolzen fast miteinander, wurden jedoch unaufhaltsam von den golden verzierten Gefäßen angezogen. Nur einen Wimpernschlag später hatte jedes Gefäß ein glitzerndes Etwas verschluckt und die Deckel schlossen sich auf eine Handbewegung des Zauberers von selbst.
Verzweiflung und Mitleid wallten in Jochen auf. Wie konnte ein Mensch nur so grausam und herzlos sein?
Die schwarze Wolke war verschwunden. Nur das Rutliquarzamulett lag noch in einem Häufchen Staub. Verwirrung huschte über das Gesicht des Hexers. Scheinbar hatte er nicht beabsichtigt, dass irgendetwas von den beiden übrig blieb. Er ging auf das Häufchen zu und bückte sich, um das Amulett aufzuheben.
In dem Augenblick, als er es berührte, entströmte ihm gleißendes Licht. Es umfing ihn und feine goldene Blitze tanzten um seinen Körper. Er hatte keinen vollkommenen Sieg errungen. Jochen sah die Erkenntnis in seinem Gesicht. Der Zauberer öffnete den Mund, um einen Wutschrei auszustoßen, aber es war kein Laut zu hören. Seine Seele wich aus dem Körper, um, wie Jochen überzeugt war, zur Hölle zu fahren.

Jochen versank wieder in den blendenden, grellen Strahlen und raste durch Zeit und Raum zurück.
Er fand sich neben der Glasvitrine wieder. Seine Hand immer noch um Karstens Oberarm geklammert, in der anderen hielt er das Amulett. Verlegen ließ er Karstens Arm los und fuhr sich verwirrt durch die Haare. Er war fix und fertig.
„Was zum Teufel war das?“ fragte Karsten. 
„Was meinst Du?“ 
„Hast Du davon nichts mitgekriegt? Schwarze Wolke, Zauberer, goldenes Licht und ein verlorenes Pärchen?“ „Du hast es auch gesehen?“ fragte Jochen verwundert. 
„Muss wohl daran gelegen haben, dass Du mich festgehalten hast, Mann.“ Karsten schien darüber nicht sonderlich begeistert zu sein. 
„Und was machen wir jetzt?“ Jochen hatte das Gefühl, die Sache nicht einfach so auf sich beruhen lassen zu können. Er fühlte sich nicht im Stande dazu, dass Amulett einfach zurückzulegen und alles zu vergessen. Sie setzten sich neben der Vitrine auf den Boden, das Amulett lag zwischen ihnen. Eine Weile schauten sie es schweigend an.
„Wo hat man das Ding eigentlich gefunden?“ fragte Jochen plötzlich. Karsten erhob sich und las die Erklärung auf dem dazugehörigen Kärtchen. 
„Ist ein regionales Fundstück“ erwiderte er, „wurde in unserer Burgruine gefunden.“ Jochen wurde aufgeregt: 
„Meinst Du, da gibt’s noch mehr zu finden?“ 
„Was meinst Du mit noch mehr? Bist Du scharf darauf, die Überreste eines durchgeknallten, eifersüchtigen Hexers auszugraben? Ich eigentlich nicht.“ Karsten schüttelte sich. 
„Ist bestimmt kein schöner Anblick!“ Jochen sah ihn herausfordernd an. Karsten dachte einen Moment nach. „Verdammt noch mal! Ich weiß genau was Du meinst…Ich hab auch das brennende Gefühl, dass etwas erledigt werden muss!“

Der Morgen war kühl und neblig, und der Weg durch das Waldstück war wegen dem feuchten Boden etwas beschwerlich gewesen. So langsam reichte es Karsten. Jetzt stolperten sie schon eine Stunde in der Ruine herum, ohne auch nur das Geringste gefunden zu haben. 
„Jochen! Ich hab die Schnauze voll! Was soll hier schon noch sein, was nicht schon ein anderer vor uns gefunden hätte?“ Karstens Stimme halte in der Ruine wieder, als er nach Jochen rief. Deprimiert musste sich Jochen eingestehen, dass er die Wahrheit sagte. Ihr Tun führte zu nichts. Er ging zu Karsten zurück. Schweigend machten sie sich auf den Rückweg. Jochen hatte seine Hände in den Jackentaschen vergraben und hielt das Amulett umklammert. Sie hatten keine Zeit mehr. Es musste wieder im Schaukasten liegen, wenn das Museum öffnete.
Als sie etwa Hundert Meter gegangen waren, wurde das Amulett in Jochens Hand plötzlich sehr warm. Unnatürlich warm. Schnell zog er es aus seiner Tasche. Dieses Ding war wirklich unglaublich leuchtfreudig, denn schon wieder strömte es das goldene Licht aus. Diesmal war es aber ein Strahl, den es geradewegs in den Wald hinein schickte. Jochen warf Karsten einen Blick zu. Karsten seufzte: 
„Na schön. Wenn da aber wieder nix ist, dann ist genug mit Indiana Jones spielen! Ich bekomme mordsmäßigen Ärger, wenn der Klunker nicht an seinem Platz liegt, wenn die ersten Leute kommen!“
Sie folgten dem Strahl ungefähr 20 Minuten in den dichten Wald hinein. Karsten fluchte jedes Mal leise vor sich hin, wenn sie ein Dickicht durchqueren mussten. Jochen war kurz davor die Hoffnung aufzugeben. Er war zerkratzt und zerstochen und seine Hose hatte auch ein Loch. Karsten sah nicht viel besser aus. Fehlte nur noch, dass ein wildgewordener Keiler durch das Gebüsch brach. Aber was unvermutet hinter einem Gebüsch zum Vorschein kam, war kein Wildschwein, sondern die Überreste eines weiteren Gebäudes. Vielleicht die kleine Friedhofskapelle der Burg. Bröckelnde Stufen führten in der Mitte des Gebäudes in die Dunkelheit hinunter. Wie Jochen befürchtet hatte, war das der Weg, den ihnen das Amulett wies.
„Du gehst vor. Du hast uns das schließlich eingebrockt!“ Karsten war ganz und gar nicht mehr zum Lachen zu Mute. Die Vorstellung mit nichts als einem Amulett bewaffnet in ein Dunkles Gewölbe zu spazieren, in dem vielleicht in der Vergangenheit ein Hexer gewütet hatte, behagte auch Jochen nicht. Er schluckte schwer und klammerte sich an das Schmuckstück. Es war, als könnte er daraus Beruhigung erfahren. Es würde schon alles gut gehen.
Mit sicherem Schritt ging er die Treppe hinunter, aufmerksam auf die Stufen schauend, um nicht plötzlich auf dem bröckelnden, glitschigen Stein auszurutschen. Karsten folgte ihm dicht auf den Fersen. 
Die Dunkelheit wurde vom warmen Schein des Amuletts durchdrungen. Das Gewölbe war leer. Jedoch führten weitere Stufen auf der Linken Seite in kohlrabenschwarze Nacht. Jochen ging zielsicher darauf zu. Karsten zuckte mit den Schultern um sein Schaudern zu vertreiben. Er war schließlich kein Feigling! Jedenfalls nicht, wenn Jochen keiner war!
Die schmale Wendeltreppe führte in ein weiteres, kleineres Gewölbe. Es roch modrig. 
Das Amulett verströmte gerade genug Licht, dass sie in einer Nische an der Wand ihr Ziel entdecken konnten. Die Nische war etwas erhöht grob aus der Wand gehauen worden, und bot gerade genug Platz für die menschlichen Überreste, die darin gebettet lagen. 
Jochen betrachtete das Skelett mit wachsendem Unbehagen. Karsten stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite und nickte in Richtung des Kopfes des Skelettes. Zwei Gefäße waren rechts und links neben dem Schädel platziert. Sie waren mit geheimnisvollen goldenen Schriftzeichen bedeckt. 
„Und nun?“ flüsterte Karsten. 
„Keine Ahnung!“ flüsterte Jochen zurück. Sein Instinkt hielt ihn davon ab, irgendetwas an dem toten Zauberer zu berühren. Die Gefäße schon gar nicht. Wer wusste schon, was er damit für einen Schaden anrichten konnte?
Er besah sich das Skelett noch einmal ganz genau, ließ seinen Blick von dem Schädel nach unten wandern, über die bleichen Rippen und die verkrümmte Wirbelsäule. 
„Was ist das?“ Jochen zeigte auf einen Stein, der in der Brust des Skelettes lag. Karsten beugte sich darüber, um besser sehen zu können. 
„Sieht aus wie ein Stein“ meinte er, „ein Stein, an der Stelle, an der wahrscheinlich mal sein Herz war. Weiter nichts.“ 
„Weiter nichts ...“ wiederholte Jochen in Gedanken versunken. 
„Weiter nichts … als sein Herz! Ha! Der Typ hatte im wahrsten Sinne des Wortes ein Herz aus Stein!“ 
„Du meinst … DAS ist wirklich sein Herz? Klingt total gesponnen … Obwohl ja alles gesponnen und unglaublich war, was wir die letzten 6 Stunden erlebt haben!“ Karsten wog Jochens Theorie ab, und kam zu dem Entschluss, das es gar nicht so weit hergeholt war, nach allem was er in der Vision gesehen hatte. Einem inneren Impuls folgend nahm er Jochen das Amulett aus der Hand und legte es auf das versteinerte Herz des Hexers.
Das Amulett erstrahlte in seinem blendenden Licht. Langsam heizte sich der Stein davon auf. Immer feuriger wurde seine Farbe. Immer weicher seine Konsistenz. Schließlich glühte er rot, als ein durchdringender, schrecklich wütender Schrei ertönte, bevor das Steinherz verglühte. 
Zur Gleichen Zeit öffneten sich die Deckel der Gefäße. Aus jedem stieg ein silbrig glitzernder Rauchschleier.
Sie wanden sich umeinander, und um Karsten und Jochen herum. Ein Gefühl unbeschreiblichen Glücks, Liebe und Dankbarkeit streifte die beiden Erlöser, als sie zusahen wie die beiden glitzernden Wirbel zu einem Schleier verschmolzen, emporstiegen und durch die Decke des Gewölbes verschwanden.