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- Der Flug des Raben -


Peter Hohmann

Ulandro achtete der Leute nicht, die zur Seite sprangen, um nicht von den Hufen seines Pferdes zertrampelt zu werden, das er mit halsbrecherischem Tempo durch die enge, vom Regenguss am Vormittag aufgeweichte Gasse jagte. Die wüsten Beschimpfungen und in die Luft geschüttelten Fäuste nahm er kaum wahr, sein Blick lag auf dem schwarzen Hengst, der vor der Herberge „Gischtnebel“ stand. Die Zügel hingen im Schlamm, und weißer Schaum troff aus dem Maul. Einige Leute hatten sich um das Pferd versammelt und begafften die Schabracke, auf der das königliche Wappen prangte. 
„Im Namen des Königs – aus dem Weg!“, brüllte Ulandro, als er sein Pferd jäh zügelte. Ein schrilles Wiehern erfüllte die Luft, beinahe wäre sein Ross gestürzt, doch es fing sich, kam schlitternd zum Stehen. 
Noch im Sprung vom Pferderücken zog er sein Schwert, dann rannte er in die Herberge. Hinter ihm hörte er wieder aufgeregte Schreie und das Stampfen mehrere Pferdehufe. Gut, seine Männer wären auch gleich hier, doch er konnte nicht auf sie warten, die Zeit brannte ihm unter den Nägeln. Gehetzt blickte er sich im Schankraum um, doch von Prinz Berinald keine Spur.
„Wer von euch hat ...“, begann er, doch ein lautes Poltern von oben ließ ihn verstummen und sofort die Treppe hinaufhasten, die im hintersten Eck, neben der Theke, in die obere Etage führte. Während seine eisenbeschlagenen Stiefel auf die Stufen schlugen, ihm Tabakrauch und der Geruch nach billigem Fusel und Schweiß in die Nase drangen, hoffte er, dass Prinz Berinald noch am Leben war. Wenn nicht, dann wäre der letzte Sohn des Königs tot, tot durch die Hand Arkandars, des mächtigsten und gefährlichsten Hexenmeisters des Königreichs. Tot durch die Hand des Mannes, der auch die beiden älteren Brüder Prinz Berinalds auf dem Gewissen hatte. Nein, korrigierte sich Ulandro, Arkandar war für ihn kein Mann, sondern ein Urbild des Bösen. Die Seele Arkandars – so er denn überhaupt eine besaß – war ein Pfuhl, ein Zusammenfluss aller Übel und Schändlichkeiten, zu denen Menschen fähig waren. 
Wenn er nun auch noch Prinz Berinald umgebracht hatte, hätte er über König Sandretas triumphiert, ihm das letzte genommen, was ihm noch Halt gab im Leben. 
„Berinald, du verdammter Narr!“, zischte Ulandro, als er die letzte Stufe überwand. 
Ein Schrei, der schnell zu einem Stöhnen herabsank, wehte durch den Korridor, der nun vor Ulandro lag. Dann wieder ein Poltern, gefolgt von einem Röcheln. Ulandro stürmte auf eine Tür zu, die nur angelehnt war, stieß sie auf. Machte sich bereit, zu sterben, sollte er dem Hexer nun gegenübertreten. Hinter ihm vernahm er die trappelnden Schritte seiner Männer, die ebenfalls die Treppe heraufhasteten. Vielleicht gelänge es ja ihnen, Arkandar gefangenzunehmen.
Mit einem Kampfschrei sprang Ulandro in den Raum. Er erwartete, Berinald am Boden liegen zu sehen, das Gesicht kalkweiß, die Augen gebrochen, erwartete, dass die Magie des Hexers ihm den Geist verschmorte oder die Seele aus dem Körper riss. Nichts von alledem geschah. Im Gegenteil – neben umgekippten Stühlen und Blättern, die von dem schweren Eichentisch in der Mitte des Zimmers zu Boden gefallen sein mussten, saß Berinald auf den ausgestreckt daliegenden Arkandar. Die breiten Schulter des jungen Prinzen hoben und senkten sich, und es dauerte einen Moment, bis Ulandro begriff, dass Berinald schluchzte. Trotzdem hatte er beide Hände um den Hals des Hexers gelegt. 
„Tu es nicht!“, flehte Ulandro. Wenn Arkandar starb, würde seine Seele dem Körper entweichen und sich einen neuen Wirt suchen, so zumindest ging die Sage, die man sich über Hexer erzählte. Nur das Ritual des Herzens würde ihn zerstören, vollkommen und endgültig. 
Berinalds Kopf wandte sich Ulandro zu, Tränen flossen über die geröteten Wangen, und die Augen wirkten, als blickten sie in eine andere Welt. Ulandro wusste, dass der Prinz seine Brüder vor sich sah. Er wollte sich für ihren Tod rächen, doch nicht hier, nicht jetzt, durfte die Rache vollzogen werden.
„Du weißt, was geschieht, solltest du ihn jetzt töten“, sagte Ulandro.
Berinalds Hände begannen zu zittern, zu gern hätte er zugedrückt, ein fast unmenschlicher Klagelaut entriss sich seiner Kehle. Dann zogen sich die Hände zurück, und er sank nach hinten, plötzlich aller Kraft verlustig.
Ulandro fasste Berinald unter und zog ihn langsam in die Höhe. „Er wird seine gerechte Strafe bekommen“, sagte Ulandro, vergewisserte sich aber mit einem Seitenblick, dass der Hexer weiterhin außer Gefecht war. Aus einer Platzwunde an der Schläfe quoll Blut. 
Berinald nickte, wandte sich aber abrupt ab und begrub das Gesicht zwischen den Händen. 
Dann stürmten die Männer der Leibwache in den Raum, und Ulandro wies sie an, den Hexer zu fesseln. Binnen kurzem lag ein Stahlband um seinen Hals, befanden sich Füße und Hände in eisernen Verschlüssen, und zu guter Letzt knebelte Ulandro den Hexer noch. Ungeachtete dessen, dass Hexer, wenn sie in Berührung mit Eisen kamen, nicht mehr ihre verderbte Kraft einsetzen konnten, wollte er bei Arkandar kein Risiko eingehen. 
Dann hoben die Soldaten den immer noch bewusstlosen Hexer hoch und trugen ihn aus dem Zimmer. 
Erleichterung breitete sich in Ulandro aus. Es war getan! Nach so langer Zeit war es ihnen endlich gelungen, Arkandars habhaft zu werden. Und endlich war ihnen das Glück zur Seite gestanden, das ihnen in der Vergangenheit gefehlt hatte. 
„Wie hast du es geschafft, ihn zu überwältigen?“, fragte Ulandro schließlich. 
Es dauerte, bis Berinald antwortete, man sah ihm, dass noch immer tausend Wirren sein Herz erschütterten. „Ich stürmte in den Raum. Arkandar stand mit dem Rücken zu mir, fuhr aber blitzschnell herum. Er wirkte einen Zauber, und mein Schwert verglühte in meinen Händen.“ Er deutete auf sein geschmolzenes Schwert, dass neben dem Tisch lag. „Ich warf mich auf ihn, wobei er seinen Stab fallen ließ. Wir kämpften, ich bekam den Stab zu fassen und zog ihm damit den Scheitel nach.“
Ulandro hob den mannshohen, mit Verzierungen geschmückten Stab auf. Seine Finger kribbelten, als sie sich um das Holz schlossen. „Wir werden ihn verbrennen.“
Berinald nickte und strich sich das blonde Haar aus der Stirn. „Ich hatte Glück. Wenn er nicht mit den Verrätern beschäftigt gewesen wäre, hätte er mich mit Sicherheit getötet.“
Ulandros Blick erfasste die beiden reglosen Gestalten im hinteren Teil des Zimmers. Ihre Gesichter waren blau angelaufen, und die Zungen hingen schwarz und dick aus den Mündern. 
„Er muss irgendwie Wind davon bekommen haben, dass sie mit uns in Verbindung gestanden waren“, sagte Berinald. „Komm, lass uns gehen. Die Stadtwache wird die Leichen wegschaffen und für Ordnung sorgen.“
„Warum bist du plötzlich vorausgeritten, Berinald? Das war nicht mutig, sondern dumm.“
Berinalds Lippen strafften sich. „Vielleicht war es dumm, aber ... Nun, plötzlich hatte ich dieses sonderbare Gefühl, wie ein Fingerzeig der Götter. Wenn ich nicht vorausgeritten wäre, wäre Arkendor vielleicht schon bereit gewesen, sich um uns zu kümmern. Und dann wäre es anders ausgegangen.“
„Mag sein“, sagte Ulandro, während er damit begann, 
die am Boden liegenden Pergamente zu begutachten. „Du kannst gehen. Ich hingegen möchte mich noch etwas umsehen. Nicht, dass uns etwas entgeht.“
Berinald zögerte einen Moment, dann nickte er. „Wie du meinst.“
Nachdem der Prinz das Zimmer verlassen hatte, fuhr Ulandro fort, den Raum zu durchsuchen. Warum, das wusste er selbst nicht genau. Eher ein Gefühl in der Magengrube, aber über die Jahre hatte er gelernt, seinen Instinkten zu vertrauen. Wieder ging ihm auf, wie viel Glück im Spiel gewesen war. Dass Berinald, obwohl er ein vorzüglicher Kämpfer war, es geschafft hatte, Arkandar allein zu besiegen, grenzte an ein Wunder. Aber es ärgerte Ulandro noch immer, dass Berinald auf eigene Faust gehandelt hatte. Hätten die Götter nicht wohlwollend auf ihn herabgeblickt, hätte Ulandro König Sandretas nun die Nachricht unterbreiten können, dass auch sein letzter Sohn dem Hexer zum Opfer gefallen war.
Er blickte auf die Leichen. Wie er Arkandar kannte, hatte er ihnen einen grauenvollen, schmerzhaften Tod beschert. Ulandro würde dafür sorgen, dass sie ein anständiges Begräbins bekämen. Ohne sie hätten sie Arkandar niemals zu fassen bekommen. Trotzdem – es war zu leicht gewesen. Zu viele Zufälle. Oder doch einfach Glück? 
Plötzlich hielt Ulandro inne und kniete sich nieder. Mit den Knöcheln klopfte er die Bretter ab, über die er gerade gegangen war. Tatsächlich! Er hatte sich nicht getäuscht; dem Geräusch nach musste sich hier ein Hohlraum befinden. Von Neugier getrieben zog Ulandro einen Dolch und schaffte es nach ein paar Versuchen, eines der Bretter zu lösen und auszuhebeln. Er griff in den dunklen Spalt. 
Sengender Schmerz fuhr durch seinen Körper, als ihn ein knisternder Schlag nach hinten schleuderte. 

Er versuchte die Augen zu öffnen, was ihm schwerer vorkam, als ein schweres Weinfass ganz allein zu heben. Die Lider klebten zusammen, und als es ihm schließlich gelang, zerschlierte alles. Mit ungeheurer Willensanstrengung befahl er seiner Hand, nach oben zu wandern und die Augen zu reiben. 
„Du hast Glück gehabt, Ulandro. Mal wieder mehr als Verstand“, hörte er eine ihm wohlbekannte Stimme.
„Mein König?“
„Wie oft habe ich dir schon angedroht, dich auspeitschen zu lassen, wenn du mich so anredest?“
Ulandro lächelte, auch wenn sein Gesicht sich taub anfühlte. „Bestimmt hundert Mal.“ Seine Stimme kam ihm verzerrt und rau vor, wie das Krächzen eines Kräuterweibs. 
„Ob das reicht?“
Ulandros Blick klärte sich, und er drehte den Kopf, auch wenn er wusste, dass sich immer, wenn er den König erblickte, tiefe Trauer seiner bemächtigte. So auch diesmal. Einstmals ein charismatischer, von einer inneren Kraft beseelter Mann, hatte die Trauer um seine Söhne Jahr für Jahr etwas von seiner eindrucksvollen Erscheinung abgehobelt, bis nur noch ein gebückter Mann zurückblieb, mit lichtem, grauen Haar und einem von Falten durchzogenen Gesicht. Die Augen, vor langer Zeit blitzend vor Schelm und Tatendrang, wirkten nun stumpf wie angelaufenes Silber.
„Sieh mich nicht so an, Ulandro.“
„Verzeih mir.“
Sandretas winkte ab. „Ich kann in dir lesen wie in einem offenen Buch, mein Freund. Und ich kann die Sorge in deinem Gesicht nicht ertragen, wenn du mich ansiehst.“
Ulandro schluckte und wandte den Blick ab. 
„Apropos Buch“, sagte Sandras nach einer Weile. „In der Nische lag ein Buch.“
„Was steht darin geschrieben?“
„Es ist in einer alten Sprache verfasst, die mir nicht geläufig ist.“
„Lässt du es von Estalio übersetzen?“
Der König hustete, dann sagte er: „Nein, der alte Knabe hat auch nicht mehr die besten Augen. Das Buch wird zusammen mit ... Arkandar verbrannt.“ Der Name des Hexers klang, als hätte Sandras ihn vorher zerbissen.
„Wann findet das Ritual statt?“
„Heute Abend.“
Ein Schauer überlief Ulandro. „Wie lange habe ich hier gelegen.“
„Vier Tage. Vier Tage lang an der Schwelle zwischen Leben und Tod.“ Sandretas seufzte. „Ich bin froh, dass es dir wieder besser geht, mein Freund. Und nun ruh dich aus.“
Stoff raschelte, eine Tür sprang ins Schloss, dann hüllte ihn wieder Stille ein. Die Augen wollten ihm zufallen, aber Ulandro zwang sich, wachzubleiben.
Heute war also Zermion, der heiligste Tag des Jahres, der Tag, an dem Arkandar hingerichtet werden würde, sowohl als Mahnung an andere Hexer, die Übles im Schilde führten, wie auch als Opfer für Ginadras, den Gott der Gerechtigkeit.
Ächzend stemmte Arkandar die Ellbogen ein und wartete, bis das Schwindelgefühl abflaute. Als er die Beine aus dem Bett schwang, fürchtete er vornüberzukippen, aber mit einem Griff an den Bettpfosten konnte er sich abfangen. Mühsam, immer wieder nach Halt suchend, kleidete er sich an, dann trat er hinaus auf den Gang und suchte Estalio, den persönlichen Berater des Königs, ein alter Mann, bewandert in den Mysterien und Sprachen dieser Welt. 
Ein heiseres „Herein“ erklang, nachdem Ulandro an der Tür des Studierzimmers geklopft hatte. 
Estalio saß an einem Schreibtisch, überladen mit Pergamenten und Büchern, die sich teilweise so hoch stapelten, dass es den Eindruck erweckte, Belagerungstürme umringten ihn. Er blickte von einem Schriftstück auf und bat Ulandro näherzukommen. „Ich bin froh, Euch wieder auf den Beinen zu sehen.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen, und mit einer knochigen Hand strich er sich durch den langen, schlohweißen Bart. „Ihr seht, wie gefährlich Bücher manchmal sein können.“ Er griff nach einer Teetasse und nahm einen Schluck. „Nun, was führt Euch zu mir?“
„Eben jenes Buch, das mir beinahe das Leben gekostet hätte.“
„Auf des Königs Anweisung soll es heute Abend verbrannt werden, zusammen mit dem Körper des Hexers.“
„Dennoch ersuche ich Euch, einen Blick darauf zu werfen.“
Estalio seufzte. „Ich werde sofort damit beginnen, doch weiß ich nicht, wie schnell ich vorankomme. Bis heute Abend ist es nicht mehr weit.“
„Ich weiß, dass ich mich auf Euch verlassen kann“, sagte Ulandro und ging, auch wenn er sich ein wenig schäbig fühlte, dem alten Estalio diese Aufgabe aufgenötigt zu haben. 
Auf dem Weg zu seinem Zimmer kreisten Ulandros Gedanken wie Geier um eine Beute, aber sie konnten sich nicht hinunterstürzen, denn das Ersehnte lag unter einer Nebelschicht, die sich erst lichten musste. Ulandro benötigte einen Lichtstrahl, besser noch eine Sonnenflut der Erkenntnis, um den hinderlichen Schleier zu verbrennen. 
„Du siehst besorgt aus.“
Ulandro verhielt seine Schritte.
Vor ihm, begleit von seiner Leibgarde und die Hand seiner Verlobten haltend, stand Berinald, auf dem Gesicht ein offenes Lächeln. 
„Es ist ... nichts“, wiegelte Ulandro ab. „Nur die Kümmernisse und alten Instinkte eines Kriegers, der in die Jahre kommt.“
„Es besteht kein Grund mehr, über irgendetwas Sorge zu tragen“, erwiderte. „Der Hexer liegt nach wie vor in Ketten, und heute Abend, nachdem er den reinigenden Flammen übergeben wurde, findet die Vermählung statt. Ein rundum glücklicher Tag für das Königreich.“
Ulandro nickte pflichtschuldig, er wollte dem jungen Paar mit seinen düsteren Ahnungen nicht die Vorfreude auf die Hochzeit verleiden, aber sein Herz schlug noch immer im Takt des Zweifels und Unbehagens. „Warum trägst du kein Schwert?“, fragte Ulandro dann, als er die leere Scheide am Gürtel Berinalds entdeckte.
„Es schmolz im Feuer des Hexers, und ich werde kein Neues tragen, bis er im Feuer brennt. So gedenke ich meiner Brüder.“
Die Freude wich aus Reginalds Gesicht. Seine Verlobte legte ihm die Hand auf den Arm.
Ulandro nickte, verabschiedete sich und ging weiter. Berinald ohne Schwert. Kaum zu glauben, dass er, der trotz seiner Jugend als Held gefeierte Krieger, sich weigerte, ein Schwert zu tragen. Ganz zu schweigen davon, dass dies gegen den altehrwürdigen Kodex der Königswürde verstieß.
In seiner Kammer angekommen, legte sich Ulandro aufs Bett und gedachte, ein wenig zu ruhen, bis das Läuten der Abendglocken ihn wecken würde. Doch die seidige Umarmung des Schlafs blieb ihm verwehrt, zu sehr nagten die Ratten des Argwohns. 

Wie einen Mühlstein um den Hals, ein Karrenjoch auf den Schultern, trug Ulandro seine Beklommenheit mit sich herum. Die Glocken hatten bereits geläutet, schicksalhaft und so laut, dass ihm immer noch die Ohren schmerzten, und unten, auf dem riesigen Palasthof, strömten und drängten bereits die Menschen, um einen unverstellten Blick auf das Ritual des Herzens zu erhaschen, das hier in Kürze vollstreckt würde. 
Von der Balustrade aus, auf der er stand, hatte er Überblick über das ganze Geschehen. Viele seiner besten Männer befanden sich unter den Menschen, um etwaigen Befreiungsversuchen vorzubeugen, selbst wenn er diese bezweifelte. Dazu bräuchte man schon eine Armee. Er gestand sich ein, dass die Maßnahmen eher dazu dienten, den Aufstand seiner eigenen Gedanken niederzuschlagen als einen Angriff von außerhalb abzuwehren. Auf einer anderen Balustrade, ganz allein, die Hände auf steineren Umfassung gestützt, stand Berinald. Was musste er jetzt fühlen? Was musste Sandretas jetzt fühlen? Gerade schritt der König zum sogenannten Hexertisch, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das Arkandar am Leben halten würde, nachdem man ihm das Herz herausgeschnitten hatte. Dann, da die Überlieferungen besagten, ein Hexer stürbe nur, wenn man sein schlagendes Herz den Flammen übergäbe, würde man es in das Feuer werfen, das bereits in einer Pechschale neben dem Hexertisch brannte. 
Ein Raunen ging durch die Menge, als man den Hexer brachte, gestützt, ja beinahe getragen von drei Wachen. Er sah blass aus, keine Spur mehr von der früheren Überheblichkeit, das selbstsichere Lächeln würde nie mehr auf seine Züge treten. Er wirkte apathisch, als hätte man ihn betäubt. 
Man fesselte ihn auf den Tisch, dann nahm der König das Messer, das eigentlich für des Henkers Hand bestimmt war.
„Tu das nicht, Sandretas, tu dir das nicht an“, murmelte Ulandro, aber er sah den Zorn in Sandretas, die schreiende Rache, die in jeder seiner Bewegungen lag. 
„Hier liegt der Mann, der lange Jahre den Frieden des Reiches gefährdete mit seinen dunklen Machenschaften. Er ist das Böse, das mit aller Macht danach trachtet, die Friedvollen ins Verderben zu stürzen.“ Einen Moment schwieg König Sandras. „Hier ist der Mann“ – seine Stimme brach –, „der meine Söhne getötet hat.“
Stille senkte sich über den Platz, sogar die Vögel auf den Dächern des Palastes stellten ihr Gezwitscher ein, eine Gewitterwolke schob sich, einem dunklen Schleier gleich, vor die Sonne.
Ulandro senkte den Blick, er konnte den Schmerz und die Wut nicht ertragen, die aus Sandretas Stimme klangen. 
„Und dafür wird der Hexer nun büßen“, schrie der König, und das Volk stimmte unter Jubelgeschrei mit ein. 
Schließlich trat Sandretas an den Tisch, und die Stille vertiefte sich, glich dem stummen und drückenden Himmel vor einem nahenden Gewitter. 
Im selben Moment, da die Klinge in Arkandars Brustkorb drang und sich der Hexer aufbäumte, spürte Ulandro eine Hand auf der Schulter. Er fuhr herum. 
„Bei den Göttern! Ihr habt mich zu Tode erschreckt, Estalio!“
„Das tut mir Leid“, sagte der Gelehrte und holte das Buch hervor, auf das Ulandro in der Taverne gestoßen war. „Aber ich habe entdeckt, was darin geschrieben steht.“
Hinter sich hörte Ulandro, wie ein Raunen durch die Menge lief, vereinzelt ertönten sogar Schreie. Sandretas musste das Herz herausgeholt haben.
„Alles konnte ich natürlich nicht entziffern, dazu reichte die Zeit nicht, aber es geht darum, wie man mittels Hexerei“, er räusperte sich, „wie man mittels Hexerei die Körper tauschen kann.“
Ulandros Gedanken wirbelten, der Nebel war verflogen, sie stürzten sich kreischend hinab. Was hatte Arkandar in der Herberge gemacht? Warum war er hier in der Stadt gewesen?
Um Zermion, den geheiligten Tag, zu entweihen. Um den absoluten, endgültigen Triumph über Sandretas zu erringen. 
Um die Körper zu wechseln ...
Und dann, als Ulandro an die Begegnung mit Berinald heute dachte, bohrte sich, einem gleißendem Blitz gleich, jäh die Erkenntnis in seinen Geist. Berinald hatte kein Schwert getragen.
Schwerter waren aus Eisen. Und hinderten den Träger am Wirken von Hexerei, von Blendwerk. 
Ulandros Blick heftete sich auf Berinald, der das Geschehen aufmerksam verfolgte. Dann blickte er auf Sandretas, der etwas Rotes, das seine Faust umschloss, soeben in die Flammen schleuderte. Der Körper auf dem Tisch bäumte sich auf, um dann zu erschlaffen. 
Im selben Moment ertönte schallendes Gelächter von der Balustrade, auf der Berinald stand. Und als er lachend dastand, veränderte er sich, sein Gesich zerfloss wie erhitztes Wachs – und formte sich zum Antlitz Arkandars.
Ein Aufschrei raste wie eine Flutwelle durch die Menge, als auch der Körper auf dem Tisch seine Gestalt veränderte. In der Dauer weniger Herzschläge stand Arkandar der Hexer auf der Balustrade, während Berinald mit offenem Brustkorb und blutüberströmt auf dem Hexertisch lag. 
Getötet von seinem eigenen Vater. 
Sandretas wankte, dann sank er in die Knie, und sein Wehgeschrei schallte über den Platz, wand sich bis hinauf zur Himmelskuppel, in die sich plötzlich Arkandar erhob. 
In Form eines Raben.