Stefan Bouxsein
Der Brief von Meike lag in meinem Postfach an der
Anmeldung. Als ich heute Morgen dort vorbei kam, war mein Fach noch
leer gewesen, der Brief konnte also erst im Laufe des Tages
eingetroffen sein. Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir,
aber als ich die Handschrift von Meike auf dem Briefpapier erkannte,
fühlte ich mich schon wieder viel besser. Viel Zeit hatte ich
nicht, die Jungs wollten gleich losziehen. Wie gestern und
vorgestern, stand auch heute wieder ein Kneipenrundgang auf unserem
Programm. Den Kopf freitrinken, nannten wir das. Auf dem Kiez gab es
ja genügend Möglichkeiten. Die Zeit langte gerade noch für eine
heiße Dusche und einen Kaffee. Trotzdem ließ ich es mir nicht
nehmen, mich erst mal auf das Bett fallen zu lassen und den Brief
von Meike zu öffnen. Eigentlich war es ja Quatsch, dass sie mich
hier mit einem Brief beglückte. Wir hätten ja auch jeden Abend
miteinander telefonieren können, aber Meike liebte es, Briefe zu
schreiben. Und als ich langsam das Briefpapier aus dem Umschlag zog,
freute ich mich wie ein kleines Kind auf ihre Zeilen. Es konnte
natürlich nichts aufregend Neues drinnen stehen, ich habe mich ja
erst vor vier Tagen bei ihr verabschiedet. Wie erwartet, schrieb sie
nichts, was ich nicht schon vorher gewusst hätte. Sie würde an
mich denken und mir Glück wünschen und gab mir den Ratschlag,
abends etwas auszuspannen. Genau das hatte ich ja auch vor.
Irgendwie kam sogar eine gewisse Enttäuschung in mir auf, während
ich in ihren Zeilen versank. Weder schrieb sie, dass sie mich
vermissen würde, noch entdeckte ich einen Liebesschwur auf dem
gelben Papier. Wenn sie schon die romantische Variante des
handgeschriebenen Briefes bevorzugte, hätte sie ja auch inhaltlich
eine Spur von Romeo und Julia hinterlassen können. Wahrscheinlich
hatte sie gar keine Lust mehr gehabt, mir noch großartig was zu
schreiben, sondern wollte nur noch ihr Versprechen wahr machen. Ich
schick dir einen Brief, hatte sie mir am Tag meiner Abreise
versprochen. Ich reagierte ja auch nicht gerade erfreut, wozu es
denn Handys gäbe, war meine sachliche Antwort auf ihr Ansinnen.
Jetzt hatte ich ihren Brief in den Händen und musste mir
eingestehen, dass ich mich schon die ganzen vier Tage darauf gefreut
hatte. Sie beendete ihren Brief auch nicht mit der Aussage, dass sie
mich lieben oder vermissen würde. Stattdessen wies sie mich noch
einmal darauf hin, dass ich das hier schon alles schaffen würde.
Und dann stand da einfach nur ihr Name. Meike. Enttäuscht und etwas
verwirrt über ihren sachlichen und emotionslosen Schreibstil und
den abendlichen Kneipengang zum Kiez schon wieder im Kopf, wäre mir
fast entgangen, dass ihr doch noch etwas eingefallen war. P.S. ich
habe einen anderen, stand da ganz unten in kleiner Schrift noch
geschrieben.
Von einer Sekunde auf die andere wurde mir kotzübel. Wie ein
Paukenschlag dröhnte dieser kleine Satz in meinem Kopf. Das konnte
ja nur ein Missverständnis sein. Ich hielt mir noch einmal das
gelbe Blatt Papier vor die Augen, es stand immer noch da. Tausend
Gedanken schossen mir durch dem Kopf. War das der Schluss-Strich
unter unserer Beziehung? Warum? War das eine spontane Entscheidung
von ihr? Wie lange ging das schon, mit diesem anderen? Was für ein
anderer überhaupt? Für wen mache ich eigentlich den ganzen Kram
hier, wenn nicht für sie? War ich blind gewesen? Habe ich irgendwas
verpasst?
Ich sprang vom Bett auf und lief durch das kleine Zimmer, vom Bett
zur Tür und von der Tür zurück zum Bett, hin und her. Es klopfte.
Bernd rief, ob ich schon fertig wäre. Geh' auf den Kiez und sauf
dich zu, bis du nicht mehr weißt, wer du bist und wo du herkommst,
war mein erster Gedanke. Das ging aber nicht, ich musste etwas tun.
Ich musste Gewissheit haben, musste mit Meike reden. Jetzt und
sofort. Bernd erzählte ich hastig, dass ich Magenschmerzen hätte,
die hatte ich auch, und nicht mitkommen würde. Kaum war er wieder
weg, schnappte ich mein Handy und versuchte, Meike anzurufen. Drei
Versuche benötigte ich, bis endlich die richtige Nummer auf dem
Display erschien, so aufgeregt war ich. Als sich die Mailbox
meldete, schmiss ich das verdammte Ding in die Ecke. Es landete an
der Kante vom Waschbecken und zerbrach in seine Einzelteile. Ganz
toll, lobte ich mich. Das Telefon in der Eingangshalle war defekt,
jetzt stand ich noch blöder da. Wieder fing ich an, nervös in dem
kleinen Zimmer umher zu laufen. Ich fühlte mich wie ein gehetzter
Tiger im Käfig. Mein Blick fiel auf das Bett und dort lag dieser
Brief. Ich musste ihn einfach noch mal lesen. Die ganze Sache
analytisch angehen. Wort für Wort suchten meine Augen nach einem
Hinweis, dass es sich nur um einen Irrtum handeln konnte. Aber je
intensiver ich mich mit Meikes Zeilen beschäftigte, desto klarer
wurde mir, dass sie mir einen Abschiedsbrief geschickt hatte.
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie hatte nur
darauf gewartet, bis meine Abschlussprüfungen in Hamburg anstanden.
Mit einem Brief konnte sie es kurz und schmerzlos machen. Keine
Tränen, keine Diskussionen, keine Ausreden, keine häßliche
Szenen. Ich saß hier fest, konnte das Geschriebene nur zu Kenntnis
nehmen, morgen früh um Punkt 9.00 Uhr stand die nächste Prüfung
auf dem Programm. Vier Stunden Rechnungswesen und Buchhaltung. Vier
Stunden, die mich noch von dem Diplom trennten, auf das ich jetzt
fünf harte Jahre lang in einem Abendstudium zugearbeitet hatte.
Fünf lange Jahre, an denen ich die Abende und die Wochenenden
diesem beschissenen Abendstudium gewidmet habe. Fünf lange Jahre,
die ich nur durchgehalten habe, weil ich von einer besseren Zukunft
mit Meike geträumt habe. Fünf lange Jahre, in denen ich von einem
Haus im Grünen und von zwei Kindern geträumt habe.
Es war kurz vor 19.00 Uhr, als ich mir die
Wagenschlüssel schnappte, mich in meinen alten Polo setzte und
völlig aufgelöst die Akademie in Hamburg Richtung Frankfurt
verließ. Die Prüfung am nächsten Morgen, auf die ich seit fünf
Jahren hingearbeitet hatte, war mir egal. In meinem Kopf drehte sich
alles, ich rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ich konnte
keinen Gedankengang klar zu Ende denken. Als ich versuchte, mir
darüber klar zu werden, seit wann unsere Beziehung eigentlich im
Eimer war, durchkreuzten die Gesichter von allen möglichen Männern
aus unserem Bekanntenkreis meinen Kopf. Die Frage, wer der andere
sein könnte, machte mich fast verrückt. Wo hatte sie ihn bloß
kennen gelernt? Und wann? Unser beider Leben war doch ausgefüllt.
Sie hatte ihren Job in dem Übersetzungsbüro und gab abends Kurse
an der Volkshochschule. Genau, die Volkshochschule, dort könnte sie
diesen anderen kennen gelernt haben. Männer, die abends die
Volkshochschule besuchen und Spanisch-Kurse für Anfänger belegen,
waren mir sowieso suspekt. Irgendein Nichtsnutz muss ihr da schöne
Augen gemacht haben. Wahrscheinlich so ein Schöngeist, einer der
spanisch lernt, weil er ja sonst nichts zu tun hat. Vermutlich
einer, der sich als Künstler bezeichnet. Ein Maler oder ein
Pianist, aber auf alle Fälle ein Stümper. Einer, der auf Mallorca
überwintern will, weil es ihm im Winter zu kalt ist in Deutschland.
Und weil so einer seinen Rotwein in der Landessprache bestellen
will, lernt er halt ein paar Brocken spanisch auf der
Volkshochschule. Meike war schon immer ziemlich naiv, deswegen
mochte ich sie ja so. Aber das machte sie auch anfällig. Meike war
eine Frau, die schnell schwach wurde, wenn man ihr nur genug Honig
ums Maul schmierte. Früher war ich wie verrückt danach, ihren
verführerischen Erdbeermund zu küssen. Nächtelang hatte ich nur
von diesen sinnlichen roten Lippen geträumt, die sich zu einem
zuckersüßen Lächeln verwandeln konnten. Bei dem Gedanken, dass
jetzt ein anderer diese Lippen küssen sollte, verkrampfte sich mein
Magen.
Mit 160 Stundenkilometern quälte ich meinen alten Polo über die
Autobahn. Es waren immer noch 430 km bis nach Frankfurt, das Benzin
reichte höchstens noch für 200 km. Ich zündete die letzte
Zigarette aus dem Päckchen an und fing wieder von vorne an, mit dem
Grübeln. Wann hatte sie ihn kennen gelernt? Vor drei Monaten waren
wir zu Besuch bei ihren Eltern in Köln gewesen. Da war noch alles
in Butter, wie zwei frisch verliebte Teenager waren wir
händchenhaltend am Rheinufer spazieren gewesen. Damals hatte ich
ernsthaft daran gedacht, ganz förmlich und altmodisch bei ihrem
Vater um ihre Hand anzuhalten. Hätte ich es mal gemacht, dann
hätte mir jetzt kein anderer mehr dazwischen gefunkt, kam es mir in
denn Sinn. Aber ich wollte vorher meine Prüfungen hinter mich
bringen. Der Job als Abteilungsleiter beim Flughafen war mir sicher,
wenn ich erst diplomierter Betriebswirt war. Mit dem Gehalt eines
Abteilungsleiters würde mir der Heiratsantrag viel leichter über
die Lippen kommen, davon war ich überzeugt. Bloß den anderen, den
hatte ich nicht auf meiner Rechnung gehabt.
Nervös trommelten meine Finger auf das Lenkrad ein, noch 350 km bis
Frankfurt. Ich fing an, mich zu fragen, ob sie überhaupt noch in
unserer Wohnung war, oder ob sie die vier Tage meiner Abwesenheit
genutzt hatte, um sich bei dem anderen einzuquartieren. Ich kam wie
vor wie der letzte Depp. Der Techno-Beat aus dem Radio machte mich
noch depressiver, verzweifelt suchte ich einen anderen Sender und
fand eine Oldie-Sendung. Andere Mütter haben auch schöne Töchter,
war damals die lapidare Antwort von meinem besten Freund Daniel, als
seine Susanne ihm den Laufpass gegeben hatte. Am Flughafen wimmelte
es nur so von schönen Frauen, vielleicht sollte ich Meike einfach
Meike sein lassen und mir was Besseres angeln. Diese Idee gab mir
zumindest für einen Augenblick wieder das Gefühl, ein
erfolgreicher Mann zu sein. Vor meinem geistigen Auge schwebte Tanja
Lemke. Ein Geschoss von einem Weib, dagegen war Meike eine
unscheinbare graue Maus. Im Radio ertönte ein alter Hit von Kiss. I
was made for lovin' you. Der rockige Sound machte mich wieder munter
und meine Gedanken klar. Ich war dazu gemacht, Meike zu lieben.
Tanja Lemke war eine Augenweide, aber keine Frau zum Heiraten.
Jedenfalls nicht für mich. Noch 200 km bis Frankfurt, die Tanknadel
bewegte sich bedrohlich im roten Bereich und ich brauchte dringend
was zum Rauchen.
Die Tankstelle hätte keine hundert Meter weiter entfernt sein
dürfen. Als ich das Zählwerk der Zapfsäule beim Auftanken
beobachtete, erkannte ich im Hintergrund ein Telefonhäuschen am
Rand der Tankstelle. Meine Beine setzten sich schon in Bewegung, das
Telefon kam mir vor, wie eine Wasserquelle in der Wüste. Das
stoppende Zählwerk hielt mich zurück, ich hängte den Zapfhahn
wieder in die Säule und lief zur Kasse. Bevor ich zum Telefonhörer
greifen konnte, musste ich eine Zigarette rauchen und mir dabei
überlegen, was ich Meike überhaupt sagen wollte.
Unschlüssig stand ich vor der Telefonzelle, mein Fuß trat schon
den dritten Zigarettenstummel auf dem grauen Asphalt aus und ich
überlegte immer noch fieberhaft, wie ich das Gespräch mit Meike
beginnen sollte. Sollte ich wütend sein, den Macho raushängen
lassen? Oder besser ganz vernünftig und sachlich nach dem Warum
fragen? Und was, wenn sie gleich wieder auflegen würde, sobald sie
meine Stimme hört? Immerhin hatte sie ja ganz geschickt damit
gewartet, bis ich in Hamburg war. Dass sie mir diese Nachricht aber
einen Tag vor der entscheidenden Prüfung mitteilte, erschien mir
als der Gipfel der Unverschämtheit. Konnte sie tatsächlich
dermaßen herzlos sein? Wahrscheinlich hatte sie sich verkalkuliert,
hatte spekuliert, dass mich der Brief erst am Freitag Mittag
erreichen würde. Im Anschluss an die Prüfungen in der Akademie
wollte ich noch für ein paar Tage Urlaub auf dem Bauernhof meiner
Tante Hedwig verbringen. Der einsame Hof lag 50 km hinter Hamburg,
ein idealer Ort, um den Prüfungsstress hinter sich zu lassen. Mir
die Kunde von dem anderen nach den Prüfungen und direkt vor dem
Erholungsurlaub zu überbringen, das sah Meike schon viel
ähnlicher. Ich verzichtete auf einen Anruf, der
Überraschungseffekt wäre vielleicht ganz hilfreich, wenn ich in
zwei Stunden vor ihr stehen würde.
Mit vollem Tank hetzte ich den Polo weiter in
Richtung Frankfurt. Meine Gedanken wanderten wieder nach Köln, wo
vor drei Monaten noch alles so harmonisch verlaufen war. Irgendwo
zwischen Köln und Hamburg muss es passiert sein. Aber während
dieser drei Monate war ich voll und ganz mit meinen Prüfungen
beschäftigt gewesen. Fast jeden Abend saß ich vor meinen Büchern,
das Ziel war endlich in greifbare Nähe gerückt. Viel Zeit für
Meike konnte ich da wirklich nicht aufbringen. Aber das wäre doch
jetzt ein für allemal vorbei gewesen, daraus konnte sie mir doch
keinen Strick drehen. Das war nicht fair. Verzweiflung und Wut
füllten mich abwechselnd aus, bis ich bei 120 km vor Frankfurt in
einem Stau stecken blieb und von dem Gefühl einer absoluten
Ohnmacht überfallen wurde. Es ging keinen Millimeter mehr voran. Im
Radio erzählten sie etwas von einem Unfall und einer Vollsperrung.
Völlig bewegungslos hockte ich in meinem Polo und starrte auf das
Heck eines grünen Mercedes. Mir fehlte die Kraft und die Energie,
um weiter an Meike und an den anderen zu denken. Trotzdem griff ich
in meine Innentasche, zog den Brief heraus und geiselte mich selbst.
Wie hässliche Fratzen tanzten die Wörter um meine müden Augen.
Ich habe einen anderen, meine Gedanken ersetzten diese Nachricht mit
neuen Wörtern. Du wirst nicht mehr gebraucht; fahr zur Hölle; ohne
dich hat mein Leben wieder einen Sinn. Gedemütigt faltete ich den
Brief wieder zusammen, zündete mir noch eine Zigarette an und
versuchte, etwas zu schlafen.
Ein schriller Hupton schreckte mich auf, es ging wieder weiter. Etwa
eine Stunde musste ich gedöst haben, es war mittlerweile
Mitternacht. Die letzten hundert Kilometer fuhr ich etwas langsamer.
Je näher ich Frankfurt kam, desto nervöser wurde ich. Die
Vorstellung, dass ich den anderen in meinem Bett vorfinden könnte,
ließ mich an meinem ganzen Vorhaben zweifeln. Aber es gab kein
Zurück mehr, in der Ferne erkannte ich schon die Skyline von
Frankfurt. Sie sah im Licht des Mondscheins wunderschön aus.
Plötzlich dachte ich wieder an all die schönen Stunden, die ich
mit Meike in den letzten Jahren verbracht hatte. Wie wir uns in
meinem alten Polo zum ersten Mal geliebt hatten, damals war der Polo
noch fast neu. Sollte unsere Liebe wirklich schneller verrostet sein
als der Polo? Ich kurbelte die Seitenscheibe etwas herunter und
drosselte das Tempo. Die kühle Nachtluft tat gut. Nur noch ein paar
Minuten, dann sollte sie es mir ins Gesicht sagen. Wie in Trance
folgte ich der Autobahnabfahrt, lenkte meinen Polo durch die leeren
Straßen Frankfurts, bis ich endlich vor unserer Haustür einen
Parkplatz fand. Ich kam mir wie ein Einbrecher vor, als ich den
Schlüssel in die Haustür steckte. Leise drehte ich ihn im Schloss
herum, es war albern, aber ich wollte die Nachbarn nicht wecken. In
der Wohnung erwartete mich eine friedliche Stille. Auf Zehenspitzen
schlich ich durch den Flur. Die Schlafzimmertür war nur angelehnt,
ich hielt die Luft an, als ich sie einen Spalt weit öffnete und auf
unser Bett schielte. Nichts deutete darauf hin, dass sich irgendwas
geändert hätte, seitdem ich mich bei Meike vor vier Tagen
verabschiedet hatte. Ich öffnete die Tür ganz, Meike lag auf ihrer
Seite allein im Bett. Meine Hand langte zum Lichtschalter, die Lampe
tauchte das dunkle Zimmer in helles Licht und Meike kam langsam zu
sich. Gebannt beobachtete ich sie, wie sie langsam, aber sicher aus
dem Schlaf erwachte. Sie drehte sich zu mir, ihre schlaftrunkenen
Augen blinzelten mich an. Für einige Sekunden trafen sich unsere
Blicke, stumm blickten wir uns an, bis Meike ihre Augen zum Wecker
richtete. 1.30 Uhr zeigte das rote Display an.
"Was machst du denn hier?" Ihre Frage klang wie ein
Vorwurf.
"Ich habe deinen Brief bekommen."
Verwirrt schaute sie mich an. Ich ging in die Küche, schenkte mir
ein Glas Wasser ein, meine Kehle war völlig ausgetrocknet. Kurz
darauf kam auch Meike in die Küche.
"Was ist passiert? Du hast doch noch eine Prüfung vor dir,
oder?"
Ich griff in meine Jackentasche und reichte ihr den Brief. "Ich
musste einfach herkommen, als ich den Brief gelesen habe."
Meike trank auch ein Glas Wasser, langsam erwachten die
Lebensgeister in ihr. Sie nahm den Brief, faltete ihn auseinander
und las, was sie geschrieben hatte.
"Ups", sagte sie dann und legte den Brief auf den
Küchentisch. Es klang richtig heiter, dieses ‚ups'. Ich liebte
es, wenn sie ‚ups' sagte. Wenn sie mit dem Auto fuhr und nur
haarscharf einen Unfall durch eine Vollbremsung vermeiden konnte und
das Ganze dann mit einem fröhlichen ‚ups' kommentierte, dann war
sie in meinen Augen das süßeste Geschöpf dieser Welt. Und jetzt
las sie diesen verhängnisvollen Brief, sah mich mit ihren großen,
rehbraunen, unschuldigen Augen an und verzauberte mich mir ihrem
unwiderstehlichen ‚ups'.
"Ich war ziemlich im Stress, als ich den Brief geschrieben
habe, aber ich wollte unbedingt, dass er dich noch rechtzeitig
erreicht. Als ich dann endlich abends die paar Zeilen geschrieben
hatte, klingelte das Telefon. Susi war dran. Du kennst ja Susi. Wenn
sie erst mal tratscht, dann tratscht sie. Als ich endlich den Hörer
wieder auflegen konnte, war es nach Mitternacht und ich bin
hundemüde ins Bett gefallen. Am nächsten Morgen habe ich
verschlafen, ich war spät dran. Ich habe den Brief geschnappt, ins
Kuvert gesteckt und zur Post gebracht. Eigentlich wollte ich
schreiben, dass ich einen anderen Blumentopf besorgt habe. Einen
gelben, weil dir der grüne doch nicht gefallen hat. Aber gerade,
als ich Blumentopf schreiben wollte, klingelte das Telefon."
"Aha", sagte ich emotionslos, ging ins Wohnzimmer und
betrachtete mir den anderen Blumentopf. Mit keinem Wort erwähnte
ich die Sorgen, die mich die letzten Stunden fast um den Verstand
gebracht hätten.
Meike zog sich hastig an, schleifte mich zum Polo und kutschierte
mich zurück nach Hamburg. Selig lag ich zusammengerollt wie ein
Embryo auf der Rückbank und versuchte noch etwas Schlaf zu finden.
Noch Tage später schallte dieses von Meike so wunderbar unschuldig
zelebrierte ‚ups' wie ein Echo in meinem Kopf.
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