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Geschichten
von Stefan Seifert

Der Guhl

Auf der Brücke

 

- Auf der Brücke -


Stefan Seifert

Ein Spiel für zwei Personen

 Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es. Erich Kästner

Ein Passant
Ein Selbstmörder

 

Nachts auf einer Brücke.
Ein Passant erscheint
.

Selbstmörder:
Hallo. Entschuldigen Sie bitte. Hallo, Sieh da.

Passant:
Bleibt stehen und blickt sich verwundert um.
Hat mich jemand gerufen?

Selbstmörder:
Ich bin hier oben.

Passant:
Sieht nach oben.
Was machen Sie denn dort?

Selbstmörder:
Ach, das kann Ihnen doch egal sein, was ich hier mache.

Passant:
Da haben Sie auch wieder recht.
Er will weitergehen.

Selbstmörder:
Das ist typisch. Leuten wie Ihnen sind ihre Mitmenschen völlig gleichgültig. Ihr denkt nur an euch selbst. Da kann einer zugrunde gehen, das kümmert euch nicht. Ihr geht über Leichen, buchstäblich über Leichen.

Passant:
Also hören Sie mal, das muß ich mir nicht bieten lassen. Sie haben sich für Ihre Vorwürfe den Falschen ausgesucht. Was Sie da sagen, das mag vielleicht auf manchen anderen Zeitgenossen zutreffen, aber auf mich nun ganz bestimmt nicht.

Selbstmörder:
Sie haben doch eben selber gesagt, daß es Ihnen egal sein kann, was ich hier oben mache, allein zwischen den eisernen Streben einer Brücke, mitten in der Nacht.

Passant:
Das haben Sie gesagt.

Selbstmörder:
Und Sie haben zugestimmt. Hatten Sie denn nicht gemerkt, daß das eigentlich ein verzweifelter Hilferuf von mir war?

Passant:
Na ja, kann schon sein. Was machen Sie denn nun eigentlich da oben?

Selbstmörder:
Was soll ich hier schon machen? Ich will hinunter springen.

Passant:
Von da oben? In das kalte Wasser? Das würde ich Ihnen aber nicht raten.

Selbstmörder:
Sie sind vielleicht ein Klugscheißer. Denken Sie, ich will zu meinem Vergnügen da runterspringen?

Passant:
Ja, warum denn dann? Zwingt Sie jemand dazu? Ich meine, dies ist ein freies Land und jeder kann tun und lassen, was er für richtig hält.

Selbstmörder:
Ja freilich, und jeder kann verrecken, wie er es für richtig hält. Menschenskind, ich bin ein Selbstmörder. Ich will da runter springen, um mir das Leben zu nehmen.

Passant:
Sie meinen, wenn sie von dieser Brücke hinunter springen, sind Sie tot?

Selbstmörder:
Na klar. Mausetot. Darauf können Sie Ihren Arsch verwetten.

Passant:
Das glaube ich nicht.

Selbstmörder:
Was glauben Sie nicht?

Passant:
Daß man tot ist, wenn man von der Brücke runterspringt.

Selbstmörder:
Was, das glauben Sie nicht? Mann, lesen Sie denn keine Zeitung? Fast täglich springen hier welche runter und sind tot. Deswegen nennt man diese Brücke auch schon allgemein die Selbstmörderbrücke. Einige Politiker haben sogar verlangt, daß sie für den Fußgängerverkehr gesperrt werden soll. Aber das nützt gar nichts. Dann werfen sich die Leute eben vor die U-Bahn.

Passant:
Das finde ich aber nicht so gut. Ich meine, daß sie sich vor die U-Bahn werfen.

Selbstmörder:
Wieso? Was macht denn das für einen Unterschied?

Passant:
Na ja, es ist so unästhetisch und brutal. Brr, ich mag gar nicht dran denken. Und dann verursacht es Zugverspätungen. Das ist auch nicht gerade schön.

Selbstmörder:
Na, Sie haben vielleicht Humor. Ein Gemüt wie’n Fleischerhund.

Passant:
Von so einer Brücke zu springen ist dagegen etwas ganz anderes. Frei und stolz wie ein Adler.

Selbstmörder:
Wohl eher so schwer wie’n Sack mit Kartoffeln.

Passant:
Wissen Sie, daß ich das manchmal träume? Genau das. Ich stehe hoch oben auf einer Brücke. Es ist eine riesig große und lange Brücke. Unten funkelt und gleißt das Wasser, es dehnt sich unendlich weit, bis zum Horizont. Plötzlich überkommt mich so eine Sehnsucht, so ein Gefühl. Ich breite die Arme aus und meiner Brust entsteigt ein Jubel, es ist ganz unbeschreiblich. Dann stoße ich mich ab, ich fliege durch die Luft. Schließlich tauche ich ein in das smaragdgrüne Wasser und gleite dahin, tauche und schwimme, wie in einer anderen Welt. Ich bin glücklich.

Selbstmörder:
Und was kommt dann?

Passant:
Dann wache ich in der Regel auf. Es ist mein Lieblingstraum. Ich träume ihn vielleicht alle viertel Jahre einmal.
Und Sie wollen also tatsächlich da hinab springen?

Selbstmörder:
Allerdings. Das ist meine unerschütterliche Absicht.

Passant:
Warum haben Sie mich dann überhaupt angesprochen, wenn es für Sie sowieso beschlossene Sache war?

Selbstmörder:
Ich sagte es ja bereits, es war so eine Art Hilferuf. Sie müssen wissen, daß ich schon seit etwa drei Stunden hier oben hocke. Es hätte ja sein können, daß mich mal jemand bemerkt und mit mir redet. Ursprünglich hatte ich sogar angenommen, daß man sofort die Polizei verständigt und die bringen dann einen Psychologen mit und jemanden vom Sozialamt. So was sieht man ja manchmal im Fernsehen. Alle kümmern sich plötzlich um einen. Aber niemand hat mich beachtet. Da dachte ich, ich mach mich mal bemerkbar. Ich konnte ja nicht wissen, daß ich gerade an eine Niete wie sie gerate. An so einen gefühllosen Klotz.

Passant:
Da verkennen Sie mich aber gründlich, mein Lieber. Ganz im Gegenteil, sie konnten an gar keinen Besseren geraten. Sie werden so schnell keinen sensibleren und einfühlsameren Menschen als mich finden. Das können Ihnen alle bestätigen, die mich kennen. Meine Freunde, meine Familie, die Kollegen.

Selbstmörder:
Schon mal was davon gehört, daß Eigenlob stinkt?

Passant:
Ich werde es Ihnen beweisen. Ich werde Sie daran hindern von der Brücke zu springen.

Selbstmörder:
Da bin ich aber gespannt, wie Sie das schaffen wollen.

Passant:
Durch Engagement. Durch Einfühlsamkeit und den Einsatz meiner ganzen Persönlichkeit. Passen Sie auf.
Er zieht seinen Mantel aus und legt ihn sorgfältig über das Brückengeländer. Dann klettert er auf das Geländer, sich mit einer Hand an einer Strebe festhaltend.

Selbstmörder:
Was machen Sie denn da?

Passant:
Ich stehe jetzt auf dem Brückengeländer. Bereit zum Absprung. Wenn Sie springen, dann springe ich auch. Dann haben Sie nicht nur Ihr eigenes Leben auf dem Gewissen, sondern zusätzlich noch das eines völlig Fremden. Eines Mitbürgers. Eines großherzigen, sozial empfindenden und solidarisch handelnden Menschen.

Selbstmörder:
Das kaufe ich Ihnen nicht ab.

Passant:
Sie können sich darauf verlassen.

Selbstmörder:
Das ist nur so ein Trick von Ihnen. Sie springen doch niemals.

Passant:
Ich springe, wenn Sie springen. Das werden Sie sehen.

Selbstmörder:
Also gut, dann springe ich jetzt.

Passant:
Nur zu.

Selbstmörder:
Ich springe bei drei.

Passant:
Ich bin bereit.

Selbstmörder:
Eins.
Zwei.
Haben Sie gehört? Ich sagte: Zwei.

Passant:
Ich habe Sie sehr gut verstanden. Sie sagten: zwei. Und bei drei springen Sie.

Selbstmörder:
Drei.

Passant:
Ju-huuu!
Er breitet die Arme aus und springt vom Brückengeländer. Etwas später hört man ein entferntes Klatschen.

Der Selbstmörder kommt von oben aus den Verstrebungen heruntergeklettert. Er steigt auf das Geländer und von dort auf den Gehweg. Dann beugt er sich über das Geländer und blickt hinunter.

Selbstmörder:
Donnerwetter. Der ist tatsächlich gesprungen. Was es nicht alles gibt.

Er nimmt den Mantel des Passanten vom Geländer und betrachtet ihn prüfend.
Schöner Mantel. Scheint noch ganz neu zu sein. So einen wollte ich schon immer mal haben.

Er zieht den Mantel an.
Paßt wunderbar. Na bitte. So hat eben alles auch sein Gutes. 

Geht ab. Man hört das Geräusch seiner sich entfernenden Schritte.

 

Veröffentlichungen
Stefan Seifert

u.a.

"Undine"
in

 
Rätselhafte Phänomene


Das
Raskolnikow-Syndrom


"Die Dienstreise" in: