Stefan Seifert
Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle.
Ich bin ein Mensch. Wie stolz das klingt. Ha, ha! Ich könnte mir
selber auf die Schulter klopfen, wenn mich diese Schwachköpfe nicht
verschnürt hätten wie ein Weihnachtspaket.
Ich bin also ein Mitmensch, sozusagen, und
spreche zu Ihnen als ein Mitmensch zum anderen Mitmenschen. Sie
können mir nicht zufällig heraushelfen aus diesem albernen Ding
hier? Nein? Na, macht nichts. Aber Ihr Ohr leihen Sie mir doch, wenn
Sie mir schon sonst nichts leihen wollen, ha, ha. Sie können ganz
unbesorgt sein. Was soll Ihnen schon passieren? Aber vielleicht
werden Sie danach um eine Erfahrung reicher sein. Und den Wert von
Erfahrungen kann man gar nicht hoch genug einschätzen im Leben.
Sehen Sie übrigens den da drüben? Der
behauptet, er wäre Hitler. So ein hirnrissiger Schwachkopf. Dabei
weiß doch jeder, daß Hitler Jude war. Aber ja doch. Gerade weil
er Jude war, hat er so gegen die Juden gewütet. Der berühmte
jüdische Selbsthaß. Denken Sie nur an Otto Weininger. Aber ich
schweife ab. Ich wollte Ihnen eigentlich etwas anderes erzählen.
Wissen Sie, was ein Ghul ist? G-H-U-L
geschrieben? Nein? Das überrascht mich nicht. Kaum jemand hat schon
etwas von einem Ghul gehört. Dabei wäre es ungeheuer wichtig, denn
im Leben jedes Menschen spielt der Ghul eine ganz wesentliche Rolle.
Irgendwann einmal begegnet jeder seinem Ghul. Nicht irgendeinem Ghul,
sondern seinem eigenen, ganz persönlichen. Diese Begegnung ist von
eminenter Bedeutung. Sie entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg
eines Lebens, über Triumph oder Verderben. Sie kann eine Wendung zum
Guten oder zum Schlechten bewirken. Sie kann einen Menschen auch
zerstören.
Ach, vielleicht könnten Sie aber doch so nett
sein und mir diesen Knoten da hinten etwas lockern. Irgendjemand hat
ihn so fest gezogen, daß mir schon die Arme absterben. Die Pfleger
sind ja auch total überfordert. Es ist wie überall. An allem wird
gespart und zuerst am Personal. Die haben hier kaum noch
qualifizierte Kräfte. Fast ausschließlich Zivis und Studenten. Von
denen sieht keiner richtig durch. Die wissen überhaupt nicht, was
hier läuft. Und dabei kommen immer mehr Patienten. Aus allen
Bevölkerungsschichten. Jede Menge Banker. Und Lehrer. Ich habe hier
sogar meinen alten Zeichenlehrer getroffen. Der hielt sich schon
immer für van Gogh. Jetzt versucht er ständig, sich ein Ohr
abzuschneiden. Die meisten sind allerdings durchgedrehte
Computerfreaks. Die wissen nicht mehr, ob sie sich im Chatroom oder
auf dem Klo eingeloggt haben und halten die Toilettenspülung für die
Escape-Taste.
Aber ich wollte Ihnen ja etwas über den Ghul
erzählen. Der Begriff Ghul kommt aus dem Arabischen und bezeichnet
ein spirituelles Wesen, eine Art Geist. Er gehört zum Reich von
Iblis, dem Fürsten der Finsternis, den wir Satan nennen. Der Ghul
verkörpert die dunkle Seite unseres Wesens. Meist bleibt er im
Verborgenen, aber manchmal tritt er aus dem Schatten heraus und
versucht, von uns Besitz zu ergreifen. Oder er will uns einfach nur
erschrecken, damit wir uns nicht mehr sicher fühlen in unserem
zivilisierten Dasein, das wir uns so komfortabel eingerichtet haben.
Manche Menschen scheinen ja völlig zufrieden zu sein mit ihrem
Leben. So wie Sie. Aber der Ghul ist dennoch da, es gibt keinen
Menschen ohne Ghul. Die meisten versuchen ihn zu ignorieren oder
sich vor ihm zu verstecken, jedoch das nützt ihnen nichts.
Irgendwann erwischt er sie. Den Zeitpunkt bestimmt er.
Danke, das ist sehr aufmerksam von Ihnen. Jetzt
kann ich mich ein wenig aufrichten. So ist es schon etwas
erträglicher. Der Pfleger hat mich offenbar völlig vergessen. Wenn
Sie vielleicht noch die Riemen über meinen Beinen lösen könnten...
Ich hatte heute vormittag einen Anfall, einen heftigen Krampf des
ganzen Körpers, und sie haben mich festgeschnallt, damit ich nicht
vom Bett falle und mich verletze. Dann haben sie vergessen, mich
wieder loszubinden. Und das am Besuchstag, wo so viele Leute hier
ein und aus gehen. Das ist doch peinlich. Peinlich und demütigend,
finden Sie nicht auch? Ich sagte ja bereits, es herrscht ein
völliges Chaos auf dieser Station. Wissen Sie, was man hier sagt?
Der Unterschied zwischen einem Irrenarzt und seinen Patienten ist:
Der Arzt hat den Schlüssel. Ha, ha.
Wie ein Ghul aussieht? Da will ich mich nicht
festlegen. Er kann die unterschiedlichsten Gestalten annehmen.
Manchmal manifestiert er sich auch in größeren Menschengruppen oder
ganzen Völkern. Dann kommt es zu Massenhysterien und kollektiven
Rückfällen in die Barbarei. Aber das berührt nicht die Tatsache, daß
jeder Mensch seinen eigenen Ghul hat und gezwungen ist, sich
irgendwie mit ihm zu arrangieren. Dabei muß jeder Federn lassen,
jeder. Da gibt es keine Ausnahmen.
Ja, danke. Ich nehme eine Zigarette. Machen Sie
das Fenster auf, damit der Rauch abzieht. Hier ist eigentlich
Rauchen verboten. Aber daran hält sich sowieso kaum jemand. Und
heute, am Sonntag, schon gar nicht.
Also, wie sieht ein Ghul aus? Es gibt darüber
die unterschiedlichsten Berichte, aber in einem stimmen sie alle
überein: Er ist schrecklich. In der Regel von menschenähnlicher
Gestalt, aber schrecklich. Manche wollen ihn auf Friedhöfen gesehen
haben, wie er Gräber öffnete und Leichenteile verspeiste. Das ist
natürlich Folklore. Aber es ist ein, wenn auch naiver, Versuch,
etwas von dem unnennbaren Grauen zu vermitteln, das den Ghul umgibt.
Das tut gut, wieder einmal die Glieder zu
strecken. Es ist weiß Gott kein Vergnügen, sich kein bißchen rühren
zu können, und das über Stunden. Jetzt geht es mir gleich besser. Wo
war ich stehen geblieben? Ach ja, der Ghul. Sie werden nun fragen:
Wenn man nicht weiß, wie ein Ghul aussieht, woran merkt man dann,
daß man es mit einem Ghul zu tun hat?
Nun, wenn man seinem Ghul begegnet, dann
erkennt man ihn sofort. Es ist ein einschneidendes Erlebnis, das
einen so schnell nicht wieder losläßt. Egal, in welcher Gestalt er
einem gegenüber tritt. Bei mir war es zum Beispiel ganz
unspektakulär. Wissen Sie, ich hatte bis dahin ein völlig normales
und unauffälliges Leben geführt. Ich war Buchhalter und verdiente
ganz gut, mit Aussicht auf Beförderung zum Hauptbuchhalter. Wir
hatten ein kleines Häuschen, meine Frau und ich. Die Kinder waren
schon groß und gingen ihre eigenen Wege. Wir konnten zufrieden sein.
Und dann passierte es.
Ein komisches Ding, so eine Zwangsjacke, nicht
wahr. Haben Sie schon mal eine angehabt? Nein? Wollen Sie mal
probieren, wie das ist? Ach kommen Sie, bloß zum Spaß. Dann können
Sie sagen, Sie haben auch schon mal in einer Zwangsjacke gesteckt,
ha, ha.
Also, eines Nachts wurde ich munter. Ich spürte
so ein gräßliches Gefühl der Verlorenheit, der Aussichtslosigkeit.
Ich richtete mich im Bett auf. Meine Frau schlief tief und fest
neben mir. Es war kurz nach Mitternacht. Und da sah ich ihn, den
Ghul. Er stand keine zwei Schritte von mir entfernt und blickte mich
schweigend an. Er war graudunkel, von mittlerer Größe und schwer
bestimmbarer Form. Das lag daran, daß er an den Rändern zu
verschwimmen begann. Seine Augen schienen zwei große, schwarze,
saugende Trichter zu sein. Und dahinter befand sich eine eisige
Leere, ein unendliches Nichts. Du bist umzingelt vom Nichts,
schienen diese Augen zu sagen. Du kommst aus dem Nichts, du gehst
ins Nichts. Und die Zeit dazwischen vergeudest du mit Nichtigkeiten.
Ist das nicht absurd?
So, und jetzt lege ich Sie mal auf das Bett und
schnalle Ihnen die Riemen über Bauch und Beine. Da können Sie
nachempfinden, wie man sich hier fühlt, als Patient. Nur mal so, als
Kostprobe. Ha, ha.
In jener Nacht also lag ich lange wach. Ich sah
den Ghul an und der Ghul sah mich an. Ich fühlte nichts als nackte
Verzweiflung. Eine Verzweiflung, die mich allmählich in den Wahnsinn
zu treiben schien. Es war, als würde ich in ein unendlich tiefes
Loch fallen. Immer weiter und weiter.
Der nächste Tag war ein Sonntag, so wie heute.
Es war einer jener Tage im März, an denen sich der nahende Frühling
ankündigt. Die Schneeglöckchen und Krokusse blühten schon. Die
Strahlen der Morgensonne wärmten die vom Tau feuchte Erde und die
Luft war wunderbar sanft, zart und würzig. Die Vögel zwitscherten um
die Wette, die ersten Bienen summten und sogar unser Hund raste wie
von Sinnen immer im Kreis herum. Alles war von einem Taumel der
Lebensfreude, der Lebenssehnsucht ergriffen. Ich war hinausgetreten
in den kleinen Garten hinter unserem Haus, sog mit geweiteten
Nüstern begierig die Luft ein und fühlte qualvoll, daß ich an diesem
Fest nicht teilnehmen durfte. Stattdessen würde ich wieder in die
Enge des Hauses zurückkehren, in mein sinnloses, ereignisloses
Leben, wie ein Hamster in sein Laufrad. Ich fühlte mich ganz
ähnlich, wie Sie sich jetzt in der Zwangsjacke fühlen müssen. Nein,
warten Sie bitte noch einen Moment, bis ich meine Geschichte zu Ende
erzählt habe.
Ich spürte die gleiche Verzweiflung
wiederkehren, wie in der Nacht zuvor, als der Ghul vor meinem Bett
stand. Da erfaßte mich ein gewaltiger, ein geradezu biblischer Zorn.
Ein Zorn auf alles, was mein bisheriges Leben ausmachte. Dieses
dumme, kleinliche, jämmerliche Dasein. Einer Eingebung folgend ging
ich in den Schuppen und holte einen bauchigen Plastikkanister mit
Brennspiritus, den ich im letzten Sommer zum Anzünden des Grills
benutzt hatte. Ich fand auch noch Putzlappen und eine Flasche mit
Terpentinöl. Das alles trug ich in die Diele, verteilte die
Putzlappen auf dem Boden und begoß sie erst mit dem Öl und dann mit
Brennspiritus. Daraufhin zündete ich das Ganze an und ging wieder
hinaus in den Garten. Von dort beobachtete ich voller Vergnügen, wie
sich das Feuer im Haus ausbreitete. Nach einer Weile kam meine Frau
schreiend aus der Küche gerannt. In der Hand hielt sie noch einen
Kochlöffel. Sie starrte mich entsetzt an. Ich stand da und lachte
und lachte. Ich brüllte geradezu vor Lachen und schlug mir auf die
Schenkel. So köstlich hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch
nicht amüsiert.
Mein lieber Freund, ich würde Sie ja liebend
gerne aus Ihrer, nun ja, zugegebenermaßen etwas mißlichen Lage
befreien. Man ist schließlich kein Unmensch. Man empfindet mit. Aber
in jeder Gesellschaft gibt es nun mal gewisse Regeln, an die man
sich halten muß. Ich will es mal so ausdrücken: Jeder Mensch ist
potentiell Wärter und Patient zugleich. Es ist ein Spiel mit
verteilten Rollen. Die Akteure sind austauschbar. Einer paßt auf den
anderen auf und sorgt dafür, daß er ruhig bleibt und sich nicht
auffällig verhält. Zwangsmittel, wie die, unter denen Sie momentan
leiden müssen, kommen nur im äußersten Notfall zur Anwendung. Zum
eigenen Wohl der Betroffenen und unter genauester ärztlicher und
behördlicher Aufsicht, selbstverständlich. Jetzt sind Sie eben mal
an der Reihe, den Verrückten zu spielen. Ich bin fest davon
überzeugt, daß Sie das ebenso gut können, wie ich oder irgendein
anderer.
Ich bin so frei, mir Ihren Mantel und Ihren Hut
auszuborgen. Besonders gegen Abend ist es noch empfindlich kühl
draußen. Vielen Dank. Gestatten Sie, daß ich einen Blick in Ihre
Brieftasche werfe. Bargeld, Mastercard, Visa, American Express. Das
brauchen Sie jetzt alles nicht mehr. Seien Sie froh. Aha, Ihre
Autoschlüssel. Ein Mercedes. Hatte ich früher auch.
Aber nicht doch. Schreien und Krakeelen schadet
Ihnen nur, mein Freund. Das ist eine der weniger schönen
Erfahrungen, die ich hier gemacht habe und die ich gerne an Sie
weitergebe. Warum sollen Sie noch einmal das gleiche durchmachen,
was ich erleiden mußte? Ich kann Ihnen genau sagen, was Sie
erreichen werden. Man wird Ihnen eine Spritze verabreichen, die Sie
für eine Weile aus dem Verkehr zieht. Hinterher fühlt man sich
scheußlich. Wollen Sie das wirklich? Sie sehen, ich meine es nur gut
mit Ihnen.
Und noch einen Rat will ich Ihnen geben:
Erzählen Sie nicht gleich dem ersten besten, daß Sie gar nicht
hierher gehören, eigentlich ein anderer sind und nur durch einen
absurden Zufall, üble Machenschaften und dergleichen hier landeten.
So was bekommen die hier nämlich ständig zu hören und Sie gehen dem
ohnehin schon völlig überlasteten Personal damit nur auf den Wecker.
Warten Sie lieber, bis Sie mit einem freundlichen Irrenarzt in der
Intimität eines stillen Behandlungszimmers alleine sind und
vertrauen Sie ihm unter vier Augen die ganze Geschichte an. Er wird
Ihnen aufmerksam und verständnisvoll zuhören.
Jetzt muß ich aber wirklich gehen. Die
Besuchszeit ist zu Ende. In einer Stunde gibt es Abendbrot. Das
Essen ist übrigens gar nicht so schlecht. Ich glaube, viele von
denen, die hier drin über die Verpflegung meckern, hatten es draußen
nicht so gut. Und nehmen Sie Ihre Pillen. Das macht es leichter für
Sie, besonders in der ersten Zeit. Sie werden ganz ruhig und hadern
nicht mehr mit Ihrem Schicksal. Die ganze Welt ist wie in rosarote
Watte verpackt. Wenn Sie sich weigern, das Zeug zu schlucken,
bekommen Sie es ohnehin intravenös, via Spritze direkt ins Blut.
Leben Sie wohl, mein Lieber. Ich wünsche Ihnen
viel Glück. Es ist immer von Wert, das Leben einmal aus einer
anderen Perspektive kennen zu lernen. Ich selber werde mich
wahrscheinlich in die arabische Welt absetzen. Dort ist man
vertrauter im Umgang mit Geistern, als bei uns. Die stecken einen
nicht gleich in eine Zwangsjacke, wenn man erzählt, daß man einem
Ghul begegnet ist.
Hören Sie, wie die Vögel zwitschern? Draußen
ist Frühling und auf mich wartet das Leben. |